Sie spielen mit ihr. Und Susanne denkt darüber nach, erst einmal ein wenig mitspielen. Ob sie jemals auch nur einen einzigen Gedanken an sie verschwendet haben? Sie wundert sich über sich selbst: Sie schreit nicht, sie heult nicht, sie fühlt sich noch nicht einmal verzweifelt, nur verletzt und leer. Gestern wie heute. Sie sollte sich von ihm trennen, hat aber keine Lust auf einen Rosenkrieg. Doch den hätten sie, würden sie sich jetzt scheiden las-sen. Sie will keinen Rosenkrieg, nicht jetzt. Mitspielen will sie, als dritter Mitspieler in deren infamen Spiel. Kein Rosenkrieg, ein Rosenspiel. Das ist es, was sie will: das Rosenspiel!

Der Gedanke daran trägt sie jetzt, in ihrer Vorstellung reift ein Plan heran. Ja, ein Rosenspiel. Dieser Entschluss stimmt sie fast heiter, zaubert ein Lächeln auf ihr Gesicht, ein Gesicht, das eben im Spiegel noch wirkte, als wäre es über Nacht um Jahre gealtert.

(…)

Drei Tage zuvor war sie in den Keller gegangen, für sein alterndes Gehör wohl zu leise. Die leicht knarrende fünfte Stufe von oben hatte sie ausgelassen. Warum, wusste sie in dem Moment auch nicht so genau. Wahrscheinlich hoffte sie, ihn erschrecken zu können. Vorsichtig schob sie sich durch die Tür in den Kellerraum. Er saß mit dem Rücken zu ihr an seinem unordentlichen, chaotischen Schreibtisch, der zum Arbeiten nicht wirklich Platz bietet.

Susanne sah, dass er eine E-Mail schrieb. Ihr Herz hämmerte wie wild. Er hörte sie nicht kommen, bemerkte sie erst, als die bereits hinter seinem Schreibtisch stand. Er erschrak, wurde rot und zugleich fürchterlich verlegen. Sofort klickte er die Mail nach unten auf die Leiste weg. Nicht schnell genug. Susanne hatte zwar nicht lesen können, was er geschrieben hatte, aber sein Verhalten sprach Bände. Sie tat, als hätte sie nichts bemerkt, besprach mit ihm, was zu besprechen war, genoss dabei aber jede Se-kunde, in der stotternd um Antworten rang. Sie ließ sich Zeit, sprach langsam und bedächtig. Nachdem sie das Gespräch beendet hatten, verließ sie im Schneckentempo den Keller, um wieder nach oben zu gehen. Sie konnte es nicht leugnen, die Situation hatte ihr Spaß bereitet. Ungeduldig fieberte sie dem Augenblick entgegen, da er das Haus verlassen würde.

(…)

Lena schüttelt den Kopf. „Nein, ich glaube das einfach nicht. Wieso er? Er hat immer so strong auf mich gewirkt. Ich kenne ihn ja nun schon ein paar Jährchen und habe ihn zu meinen Freunden gezählt!“

Als sie das sagt, klingeln bei der betrogenen Ehefrau die Alarmglocken und sie zweifelt einen Augenblick. War es wirklich richtig, ausgerechnet Lena, die ihnen beiden, ihrem Mann und ihr selbst, schon so lange verbunden ist, in die ganze Sache einzuweihen?

„Auch wenn das jetzt nicht einfach für dich ist, weil du ja zwischen uns stehst: Meinst du, du kannst über die ganze Sache erst einmal Stillschweigen bewahren? Ich brauche jetzt deine unbedingte Loyalität!“, beschwört Susanne ihre Freundin.

„Natürlich, du kannst auf mich zählen. Frauen halten doch in solch einer Situation zusammen! Ich bin doch deine Freundin, keine Angst.“

Susanne ist erleichtert. Sie trinkt gerade aus ihrem Glas einen Schluck Wein, als sie die Frage hört, die sie am meisten fürchtet, und von der sie doch wusste, dass sie irgendwann gestellt werden würde: „Liebst du ihn noch?“

Es ist so weit, zum ersten Mal verliert sie die Fassung. Tränen schießen ihr in die Augen. Sie kramt ein Taschentuch hervor, trinkt einen kräftigen Schluck Wein, um dieses beklemmende, einengende Gefühl aufsteigender Trauer loszuwerden. Dann erst kann sie weiterreden.

„Ich weiß es nicht, keine Ahnung, wirklich nicht. Wenn ich das wüsste, wenn ich sicher wüsste, dass ich ihn nicht mehr liebe, wäre es einfacher für mich. Ich würde ihn sofort in die Wüste schicken.“

Mühsam gewinnt sie wieder Kontrolle über sich.

„Weißt du, ich kenne ja seine Geliebte.“

Lena blickt sie irritiert an.

„Ja, er hat sie mir vorgestellt. Im Sommer bei einem Golfturnier. Ich hatte damals eine Vermutung, war mir aber nicht sicher. Nun, nachdem ich die E-Mails gelesen habe, bin ich mir sicher. Sie war mir eigentlich recht sympathisch, und ich würde sie gerne einmal näher kennenlernen.“

„Du willst was? Spinnst du? Wie willst du das überhaupt anstellen?“

Lenas Blick verrät, dass sie am Verstand ihrer Freundin zweifelt. Inzwischen sind sie beim Espresso angekommen, in dem Lena hektisch rührt, wobei sie mehr als die Hälfte verschüttet.

 „Ich werde sie zu unserem jährlichen Adventskaffee einladen“, antwortet Susanne.

(…)

Das alles entscheidende nächste Wochenende rückt unaufhaltsam näher. Sie wird ihn damit konfrontieren, dass sie alles weiß. Doch der Samstag vergeht und sie hat auch keine Lust, sich den Sonntag zu vermiesen. Sie ist noch nicht bereit. Tausendmal spielt sie die Szene in ihrem Kopf durch. Herrgott, sie wünscht sich etwas mehr Impulsivität. Wünscht sich, wütend auf ihn einprügeln zu können. Wünscht sich, es ihm ins Gesicht zu schleudern. All das verwirft sie wieder.

Am Sonntagabend, kurz vor 23 Uhr, räumt sie die Spülmaschine aus. Er will, oh Wunder, zu ihr kommen und helfen. Er wird es bereuen. Er steht in der Tür, sie reicht ihm gerade die Teller aus der Maschine, als sie sich selbst fragen hört: „Was denkst du, wie lange ich schon von deinem Verhältnis weiß?“