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Konzert

Fast achtzehn Jahre mussten vergehen, ehe ich wieder ein Howard-Carpendale-Konzert besucht habe. Ich bin grundsätzlich nicht der „Fan-Typ“, der zur Bühne stürmt, oder der mit Teddy und Blumen bewaffnet auf seine Chance wartet. Das war nie meine Welt und wird niemals meine Welt sein. Dennoch habe ich seine Musik gemocht, sonst …, aber lest selbst.

Bevor ich über das Konzert schreibe, wie kam ich überhaupt dazu, seine Konzerte zu besuchen? Kommt mir auf eine kleine Zeitreise, zurück sagen wir ungefähr 50 Jahre +/- ein oder zwei Jahre, denn so lange steht der Mann auf der Bühne. Fernseher in jedem Haushalt gab es eher nicht und die Programmauswahl war auf ARD und ZDF eingeschränkt und nach Programmende war Ameisenrennen angesagt. Aber trotzdem sie war da! Es gab sie, diese ab 1969 ausgestrahlte, unvergessene, ein Mal pro Monat ausgestrahlte Hitparade mit Dieter Thomas Heck. Wir, die wir die Hitparade gesehen haben, erinnern uns, an seine unvergleichliche Ansage: „Es ist Samstag …“.

In dieser Zeit so ab 1966/67 begann die Karriere von Howard Carpendale und nach Beginn der Ausstrahlung der Hitparade, war er regelmäßig Gast unter den besten zehn Titeln, die gespielt worden waren. Da habe ich ihn auch das erste Mal singen hören und leibhaftig gesehen. HC ist etwas älter, um genau zu sein zehn Jahre, aber nicht mein Typ, so dass Teenagerverliebtsein ausgefallen war, aber seine Musik war okay, bis auf „Das schöne Mädchen von Seite 1“, das mir nie gefallen hat, außer gestern, dazu später mehr. Also da standen dann HC auf der Bühne, Roland Kaiser, Jürgen Drews, Roy Black u.v.m..

Und dann war da auch noch meine Schwester, einige Jahre älter als ich und damals wohl bereits ausgezogen. Sie heiratete 1969, ließ sich irgendwann später auch scheiden, ihr weiterer Weg spielt hier keine Rolle. Irgendwann, nachdem sie ihrem Mann verlassen hatte, bemerkten wir, dass unser Musikgeschmack zumindest was HC angegangen war, gleich war und wir uns fast bei einem Konzert in unserer Heimatstadt über den Weg gelaufen wären. So gingen wir von nun an immer gemeinsam zu einem Konzert, bis eben vor achtzehn Jahre, da ihre Krankheit schneller war und wir das Konzert nicht mehr gemeinsam besuchen konnten. Im Übrigen war das in dem Jahr, da er angekündigt hatte sich vom Bühnenleben zurückzuziehen.

Das war damals das Ende des Kapitels HC für mich. Ich war bei diesem letzten Konzert hier in Berlin gewesen, der Platz neben mir war leer geblieben, ich hatte nicht einmal den Versuch gemacht die Karte, die ich für meine Schwester gekauft hatte, zu verkaufen, das wäre nicht meins gewesen, das hatte ich auch nicht gewollt.

Dann las ich die Konzertankündigung, 50 Jahre HC. Ich habe mit mir gekämpft, einerseits finde ich die Preise schon sportlich, aber okay, vielleicht doch, oder doch nicht? Lange Rede, kurzer Sinn, ich habe mir, vor über einem Jahr, eine Eintrittskarte gekauft. Wie rasend schnell die Zeit vergangen war, denn gestern Abend war es dann soweit. In der Verti Music Hall fand das Konzert statt. Was ich unbedingt an dieser Stelle noch sagen muss: Berlin kann auch sauber und wenn ich die Örtlichkeit dort mit der um die Bushaltestelle hier in Spandau um die Ecke vergleiche, dann könnte ich schreiend davon laufen.

Es war mein erster Besuch in der Verti Music Hall. Das ist eine nette, kleine und überschaubare Einheit. Sie war gestern Abend voll, ob sie ausverkauft gewesen war, keine Ahnung, aber mindestens nahezu. Das Personal sehr freundlich, das Ambiente gut. Daran fand ich nichts auszusetzen. Da war dann noch der Verkaufsstand von „H.C. Fan-Artikeln“, auch der war sehr übersichtlich, aber das Angebot heftig teuer. Früher, vor achtzehn Jahren konnte man noch Konzertmitschnitte auf CD erwerben, die es im Handel nicht gab. Ich gebe zu, es war ein wenig antiquarisch gedacht, aber ich hatte gehofft genau den Mitschnitt eines Konzertes als CD zu finden, die mir samt Auto geklaut worden waren. Na gut, dann eben nicht.

Kommen wir zu dem Konzert. Ich hatte den Eindruck, dass Howard Carpendale erkältet war und wahrscheinlich noch ist, denn es fehlte ihm an der einen oder anderen Stelle die Kraft bis zum Ende zu singen. Der Stimmung in der Halle tat dies keinen Abbruch, den Künstler strengte das Konzert sichtbar an, was er am Ende auch gegeben hat. Vom ersten Ton an hatte er sein Publikum im Griff, da war der Mann noch nicht mal auf der Bühne, geschweige denn im Saal. Er kam durch einen Seiteneingang und stand sogleich mitten im Publikum. Wobei ich das Publikum nicht ganz verstehen kann und reihenweise die Leute wegen eines Selfies aufgesprungen waren.

Das Konzert war eine kleine Reise durch seine Karriere, die Lieder, die gespielt wurden, kannte ich alle, die neueren kenne ich nicht. Was seine Konzerte immer sehenswert gemacht hat, und mein Vater erzählte mal vor urlanger Zeit, dass er deswegen auch ausgezeichnet worden war, waren die Lichteffekte. Was sie hörenswert gemacht haben, waren immer die Sänger, die ihn begleitet haben und die Musiker, die gespielt haben. Was ich vermisst habe, vielleicht ist das ob seines Alters nicht mehr gegeben, sind ellenlange Duetteinlagen mit einer seiner Sängerinnen, gestern gab es nur eine, aber gute Sängerin oder mit Joachim Horn, der lange Jahre seine Musik mitbestimmt hat. Mit ihm hat er nach zwei Jahren Sendepause, wieder Kontakt und da dieser im Publikum gesessen war, könnte es ja wieder eine Zusammenarbeit geben. Lange Duette hat er vermieden, nur um zu erklären, nicht selten forderte das Publikum durch anhaltendes Klatschen oder durch das Rufen von „Zugabe“, dass diese Duette zwei Mal dargeboten werden mussten. Deswegen waren die Konzertmitschnitte die Highlights an CDs, die man bekommen konnte.

Howard Carpendale ist nicht nur Sänger, sondern auch durch und durch ein Entertainer. Das eine geht ohne das andere nicht ganz so gut, will man die Konzertsäle über Jahre füllen. Ich glaube, er könnte stundenlang erzählen, dem Publikum würde es gefallen. Aber ein Howard Carpendale kann auch politisch sein, kann seine Meinung zu der momentanen Situation, dem Gefühl der Menschen im Augenblick dieser Zeit, äußern, kann sie widerspiegeln. Mit klaren Worten, mit der Forderung nach mehr Wahrheit und dem Irrsinn, dem uns eine Handvoll wahnsinniger und leider regierenden Männer aussetzen. Das war der Moment, da die Halle still wurde, zugehört hat, die Menschen ihre Zustimmung mit anhaltendem Beifall gegeben haben.

H.C. ist heute 74 Jahre alt, daraus macht er keinen Hehl. Seine Shows waren Musik und von einem weißen Barhocker aus Entertainment. Getanzt hat er nie, die Menschen haben es auch gar nicht gefordert. Aber den weißen Barhocker irgendwie schon, den er wurde beklatscht, als er auf die Bühne getragen wurde. Einige seiner Lieder hat er modernisiert, so auch „Das schöne Mädchen von Seite 1“. Es schien mir schneller gespielt und gesungen und durch Rap-Einlagen seiner Sänger verändert. Das hat mir deutlich besser gefallen.

Howard Carpendale sagte an einer Stelle des Konzerts: Der Preis von Glück ist Trauer. Dem kann ich so nicht zustimmen, weil das impliziert, dass man lieber auf das Glück verzichten soll, um nicht das Gefühl der Trauer kennen lernen zu müssen oder, dass Glück automatisch Trauer bringt. Glück verlangt keinen Preis, es ist da oder nicht, man erkennt es oder nicht, man ist blind dafür oder sieht auch das kleinste Glück, das sich offenbart. Aber es fordert nicht. Wir alle kennen es, nur sind wir dafür gelegentlich blind. Trauer ist vielleicht der Preis, den wir bezahlen müssen, wenn man verliert, was man liebt, wenn man Menschen verliert, die Teil unseres Lebenswegs gewesen sind, aber keinesfalls ist sie der Preis für Glück. Nun kann ich ja nicht auf die Bühne gehen, um das mit ihm auszudiskutieren, abgesehen davon, dass das reine Ansichtssache ist, nicht mehr und nicht weniger. Aber das macht den nachdenklichen Carpendale aus, der einige Höhen und Tiefen in seinem Leben erfahren musste, wie jeder andere auch.

Ein rundum gelungenes Konzert, ein Publikum, das mitgegangen ist, von der ersten bis zur letzten Note, bis der Vorhang gefallen war. Ob ich je wieder eins seiner Konzerte besuchen werde? Hmmm … ich weiß es einfach nicht. Inzwischen gibt es Künstler und Künstlerinnen, zu deren Konzerten ich auch gerne gehen möchte, wie zu Sarah Connor oder Ben Zucker. Andere Künstler, andere Welten.

Ich kann es nur empfehlen ab und an mal zu einem Konzert zu gehen, sich treiben zu lassen, egal wer da auch immer auf der Bühne steht, oder ob es in der Philharmonie ist, oder eine Oper, ein Theaterstück, ein Musical, eine Sportveranstaltung oder was auch immer. Es tut einfach gut, sich für ein paar Augenblicke in eine kleine heile Welt mitnehmen zu lassen, in der von Liebe und Hoffnung gesungen wird, in der man entertaint wird, um dann für einige Zeit davon zu zehren. Ich wünsche Euch eine gute Zeit, passt auf Euch auf und: Laßt es Euch gut gehen!

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