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Der Idiot

Der Idiot ist ein Weltbesteller von Fjodor Dostojewski, wer kennt dieses Werk nicht. Der Idiot im Alltag ist nicht gerade der Burner oder der Menschen, dem man früh morgens schon begegnen möchte. Idioten gibt es über all und wir wissen es alle, jeder hat so seinen Idioten in der Familie und im Freundes- und Bekanntenkreis, mit denen man so gut wie nie Kontakt hat, die man nicht mag. Was tut Mensch? Er zieht sich zurück, lässt das schleifen, geht jedem Konflikt mit denselben aus dem Weg. Warum auch nicht? Man muss seine eng bemessene Freizeit nicht mit jedem Tödel verbringen. Doof ist das natürlich, wenn der Kerl der besten Freundin ein solcher ist und man das noch nicht mal offen sagen, aus Rücksichtnahme, aus Taktgefühl.

Aber es geht nicht um jene, die wir nicht vermeiden können, sondern um jene, die einem fremd sind, die man nicht kennt und die man dementsprechend behandeln kann oder nicht. So passiert heute Morgen beim Bäcker. Ich stehe vor den Zeitungen, greife danach, als hinter mir eine Stimme erklang: „Darf ich mal?“ Hallo? Mann, siehst Du nicht, dass ich mir gerade eine Zeitung nehme? Was soll ich machen, die Zeitung fallen lassen und dir Platz machen? Ich habe ihm freundlich geantwortet: „Klar, gleich wenn ich fertig bin.“ Was war falsch daran? War das beleidigend oder hat das gar sein männliches Ego getroffen, dass ich nicht gleich elfenhaft zur Seite gehüpft war? Keine Ahnung. Der Mann war kein Managertyp, die es immer eilig haben, die immer die Guten, die Unersetzlichen sind, aber blöderweise sah der gar nicht so übel aus mit seinen weißen, etwas längeren Haaren. Klar an seiner Figur hätte er ein wenig arbeiten können, auch wenn er jetzt nicht gerade dick erschien und das möglicherweise sogar altersgerecht war. Trotzdem, das ändert nix daran, dass er ein Idiot ist, zumindest aber sich wie ein solcher verhalten hat und es ging noch weiter. Klar geht ja nicht anders, angekratztes Ego, auf eine dumme Frage, eine schlaue Antwort. Er wurde bereits von der Verkäuferin bedient, die gerade nach hinten gegangen und schon auf dem Weg zurück war, der Sohn des Inhabers dagegen wandte sich mir zu. Was meinte dieser Troll neben mir? „Sie werden bedient, gleich, wenn ich hier bezahlt habe.“ Was aber nicht nach seinen Wünschen funktioniert hat, weil zwei Kunden vor der Theke und zwei Kunden hinter der Theke ein ausgeglichenes Verhältnis darstellten. Ich habe ihn dann nur grinsend angeschaut, was seine Laune keineswegs angehoben hat und schwups war er draußen.

Früher, als ich jünger war, da hätte ich vielleicht noch eine Bemerkung nachgeschoben, heute denke ich mir okay, wenn das für dich so in Ordnung ist, dann ist das halt so. Das ist das Angenehme am älter werden, man kann nicht mehr so hart getroffen werden, wie andere sich das wünschen, oder hatte der Typ nun gedacht, dass ich über seine Bemerkung erschüttert bin? Man ist abgeklärter, gelassener, egal was auch passiert, was nicht bedeutet, dass älteren Menschen nicht auch mal der Kragen platzen kann und sie dann für andere schmerzhafte Konsequenzen ziehen und sich dabei auch noch wohl fühlen, nach dem Motto wieder ein Haken hinter eine Angelegenheit, die für sich selbst keine Früchte trägt, niemals eine Chance hatte welche zu tragen, erledigt. Ich hatte auf diese Art und Weise die Freundschaft zu meiner besten Freundin beendet. Natürlich habe ich mich immer gefragt, ob man das unter dem Motto miteinander zu reden klärt, dass man miteinander kommuniziert, dass Redebedarf besteht? Nein, es klappt nicht immer, das miteinander reden, vor allem dann, wenn man das schon so oft getan hatte. Nein, da gab es kein Reden mehr mit meiner Freundin und Hand aufs Herz, was ich hätte ich mit dem Menschen von heute Morgen reden sollen? Und schon gar nicht so früh am Morgen. Man denkt „Du Idiot!“ und noch mehr, lässt ihn einfach ziehen und gut ist. Oder etwa nicht? Reisende muss man ziehen lassen, soll man nicht aufhalten, ich habe versucht heraus zu finden, woher dieser Spruch kommt, habe aber keine Erklärung gefunden. Dazu kann man dann auch noch meinen Lieblingsspruch packen: Wer nicht kommt, der muss auch nicht gehen, bezogen darauf, wenn der Typ der besten Freundin einem nicht sympathisch ist, macht das auch nix, wenn der nicht gerade jeden Tag vor der Tür steht. Man kann das nicht ändern, kann auch nicht verlangen, dass sie ihn der Freundschaft wegen verlässt. Meine Eltern hatten eine tolle Freundin, wir alle mochten sie sehr, aber als sie dann einen neuen Freund hatte, war alles vorbei, denn sie hatte sich verändert und all das Lustige, all die Lebensfreude, die sie immer ausgestrahlt hat, waren mit dem Kommen des Mannes gegangen. Schade war das, denn ich habe sie sehr gemocht.

Nun der Idiot aus der Bäckerei verließ diese dann schneller als man gucken konnte. Der muss sich schon blöd vorgekommen sein und hofft sich, dass die Bedienung und der Bäcker hinter der Theke nix mitbekommen haben. Der Bäcker hat nur mal seine Augenbauen nach oben geschoben, ganz kurz nur und sie sind auch gleich wieder herunter gefallen, weil der um diese Tageszeit immer noch schläft und sich mehr oder weniger in geistigem Tiefschlaf befindet, auch wenn er physisch seine Kunden bedient. Für heute gilt: Bleibt wach und lasst Euch keinesfalls zum Idioten machen und: Laßt es Euch gut gehen!

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