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Diese verdaddelten Tage

Gestern, da habe ich mir vorgenommen heute mit vollem Elan an die Arbeit zu gehen, mindestens, wenn nicht noch mehr über Susanne zu schreiben, nebenbei die Waschmaschine laufen zu lassen, den Trockner sowieso, das Kochen würde wie von Geisterhand gehen und der Rest wäre schnell erledigt. Bis heute der Wecker klingelt. Er klingelt anders als gestern und vorgestern. Schreiender, unangenehmer. Schon dieses Geräusch signalisiert, dass man an diesem Tag besser im Bett bleiben würde. Aber man steht auf, weckt wer geweckt werden muss: Kind, Mann, Oma und Hund. Keine Freude das zu tun, weil niemand freundlich ist. Was kann ich dafür, dass sie aufstehen müssen?

Der Kaffeeautomat schreit nach Wasser, Kaffeebohnen, der Satzbehälter muss ausgeleert werden, bevor ich einen Kaffee bekomme. Ich verfluche die verdammte Technik. Ich bin müde, falle über den Hund, trete dem Kater auf den Schwanz, die Katze verdrückt sich gerade noch rechtzeitig in die hinterste Ecke, bevor sie unter einem Berg von Zeitungen begraben worden wäre. Ich höre mein Bett rufen: „Was solls, komm zurück!“. Ich kämpfe gegen meinen inneren Schweinehund dem nachzugeben. Mein Schweinehund wirkt sauer, als ich ihm den Mund verbiete.

Immerhin der Kaffee dampft nun in meiner Tasse, die Milch macht so komische Flocken darin, obwohl sie lange noch nicht abgelaufen ist. Mist. Gestern ging das doch noch. Nächste Tasse Kaffee, nächster Beutel Milch. Auch nicht besser. Vergessen Brot zu kaufen. Also anziehen, noch vor dem Kaffee Brötchen holen gehen, Milch nicht vergessen. Endlich, endlich Brötchen sind da, frische Milch auch. Kaffee schmeckt wenigstens gut. Mein Bett ruft immer noch. Ich hör nicht hin.

Alle sind aus dem Haus. Den Laptop hoch fahren, schnell mal lesen was so passiert ist während ich geschlafen habe. Nichts Neues, auch gut. Frühstückstisch abräumen, dabei fällt ein Teller scheppernd zu Boden, die Katze im Halbschlaf erwischt, rennt laut maunzend mit gestelltem Fell beleidigt davon. Die Fliesen haben ganze Arbeit geleisteten, der Teller ist zerbrochen, er hatte keine Chance zu überleben.  Ab unter die Dusche, griff nach dem Shampoo. Alle. Raus aus der Dusche, nass wie ich bin, hin zum Schrank, auf dem Rückweg Rutschpartie auf den nassen Fließen. Das Bett ruft immer noch, ich hör es genau.

Der Hund muss raus, bringt seine Leine, muss dringend sein. Also keine Zeit zu föhnen, erst der Hund. Mit dem Hund zurück, der Kater streicht um meine Beine, muss Hunger haben, kann warten, erst die Haare. Die Haare machen nicht das was ich will, gehen ihre eigenen Wege, trotz meines Bemühens sie in geordnete Verhältnisse zu bringen. Nicht schlimm, habe außer meinem Rendezvous mit dem Staubsauger und meinen Laptop sowieso nichts vor. Mein Bett ist verstummt.

Ich nehme mir noch eine Tasse Kaffee, merke wie müde und lustlos ich eigentlich bin. Setze mich erst einmal hin, habe das Gefühl nach der kurzen Zeit bereits einen Marathonlauf hinter mir zu haben. Der Staubsauger will nicht alleine, ich nicht mit ihm, der Staub läuft nicht weg, der wird auch morgen noch liegen. Es sei denn, das Heinzelmännchen kommt heute Nacht. Wird es wohl eher nicht, ich warte darauf schon seit Jahrzehnten.

Die Post ist da. Jahresendrechnung bekommen. Kräftige Nachzahlung, war ja so klar. Wieso gehe ich heute eigentlich an den Briefkasten? Ich hätte es doch wissen müssen.

Manchmal werden solche Tage besser, wenn ich irgendetwas tue, das kreativ- produktiven  Charakter hat. Gute Idee, ich könnte einen Kuchen backen, das kann ich, das könnte klappen. Klappt meistens. Heute nicht. Er sieht nicht aus wie immer, blieb so klein, gedrückt. Ich sehe das Backpulver neben der Rührmaschine liegen. Mülleimer auf, Kuchen rein, Müll gleich entsorgen, keine Lust auf Familienhäme.  Kann nicht über mich lachen. Würde mich jetzt mein Bett rufen, ich würde sofort kommen. Ich lausche. Stille, kein Pieps. Um den Schaden an Tellern und missratenem Backwerk zu begrenzen, werde ich mich nun doch an meinen Laptop setzen und schreiben.

Eigentlich habe ich mir vorgenommen an Susannes Rosenspiel, Teil 2, zu schreiben, mindestens, wenn nicht noch mehr sollte es werden. Ich fühle das wird nix. Ich sitze vor dem Laptop, starre den Bildschirm an, schreibe, lese, lösche. Schreibe nochmals, lese wieder, lösche wieder. Dann halt nicht liebe Susanne. Warum willst Du nicht das tun was ich will? Manchmal zeigen die Figuren sehr deutlich, dass das was man gerade geschrieben hat überhaupt nicht zu ihnen passt. So ist das heute. Susanne scheint mir einen Vogel zu zeigen, bei all dem was ich über sie schreibe. Gut, liebe Susanne, dann lassen wir das heute. Trotzdem speichere ich das letzte Geschriebene und schließe die Datei. Schätze mal, dass ich es morgen löschen werde.

Der Tag ist fast geschafft, der Abend naht, die ewig gleiche Frage stellt sich kurze Zeit später: was kochen? Ausgerechnet heute habe ich Kochdienst. Wir alle teilen uns diese Aufgabe. Was könnte zu dem Stück Pute passen, das ich am Morgen schon aus dem Gefrierschrank geholt habe. Ein „AiT-Essen“ wird es heute werden, da geht am wenigsten schief. AiT=alles in einem Topf. Was reinpacken in den Topf? Nudeln sind gut, Blattspinat, Sahne, Butter, Gewürze auch. Den Schrank aufgemacht, zwei Glasdeckel fallen heraus auf die Fließen. Erst mal die Scherben wegfegen, ungefähr 10.000 Splitter fliegen in der Küche herum, der Hund latscht gefolgt vom Kater durch. Ich sperre sie aus, sie quittieren das mit erst leisem, dann lauter werdenden Gesang in einer Tonlage, von der sie genau wissen, dass ich sie nicht leiden kann. Ich ignoriere das. Die Katze gesellt sich dazu, singt mit. Sie schauen durch die Glasscheibe rein, ich raus. Oder umgekehrt?

Scherben sind weg, Nudelwasser aufgesetzt, die Pute entpuppt sich als Schwein, nehme mir vor künftig wenigstens die Art auf die Folie zu schreiben und weiß, dass ich das doch nicht machen werde. Wo bleibt denn da der Überraschungseffekt, wenn man immer außen auf die Folie schreibt was innen drin ist? Egal mit Schwein geht das auch. Wo ist der Blattspinat? Das eine Paket kommt ein wenig spärlich rüber, da muss noch ein Rest irgendwo sein. Der Rest war zu viel, sieht schon etwas verwegen aus. Pizza bestellen? Quatsch, man muss ja nicht hingucken. Die Nudeln müssen das reißen. Nudeln rein. Umrühren. Optisch besser? Nein, ich habe das Gefühl als führe ich meine Familie auf eine Weide, als ich den AiT auf den Tisch stelle. Sie schauen weg, nehmen sich, stellen fest, dass es schmeckt. Sehen wollen sie es nicht.

Bevor ich noch größeren Schaden anrichte, bin ich vom restlichen Küchendienst befreit. Prima, Fernsehen, Füße hochlegen, außer Scherben war das heute nix.  Aller Tatendrang endete mit dem Klingeln des Weckers und ich nehme vor, bevor es noch so einen verdaddelten Tag gibt, im Bett zu bleiben, wenn morgen der Wecker genauso klingt..

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1 Kommentar zu „Diese verdaddelten Tage“

  • Christine says:

    Liebe Gitta,
    habe gerade noch in Ruhe deinen kleinen Artikel gelesen. Ich finde, du schreibst nach wie vor ganz wunderbar und solltest deshalb unbedingt an Band zwei weiterschreiben. Da ist so ein kleines Stück trockener Humor und eine Prise Ironie, das macht es wirklich interessant, solche alltäglichen Episoden zu lesen. Hast du schon mal darüber nachgedacht, regelmäßig kurze Kolumnen zu schreiben über das, was du so erlebst? Die könntest du gesammelt veröffentlichen (was sicherlich viel schwieriger ist, als ich es mir denke).
    Liebe Grüße Christine

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