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Erdogan und Epileren

Haben wir es nicht schon immer gewusst? Haben wir! Spätestens seit Böhmermann sollten wir es verstanden haben. Nicht verbal 1:1, aber vom Sinn her schon. Erdogan, der große Macher interessiert sich für die rasierten Beine seiner Bürgerinnen. Jawohl! Dafür hat er jetzt ein Dekret erlassen. Das Dekret untersagt wohl Werbung für das epilieren, vielleicht folgt bald ein Verbot der Werbung für Tampons, weil ihr ja dauerschwanger sein sollt. Lasst es Euch einfach auf der Zunge zergehen. Was kommt da noch, das Eure Rechte einschränkt?


Die ersten Quittungen – aus reiner Dankbarkeit natürlich – dafür, dass man den Mann schalten und walten lässt, wie es ihm behagt, haben die Bürger der Türkei gleich postwendend erhalten: Das blinde, sinnlose Säubern des Staatsapparates geht weiter: Tausende von Beamten wurden aus dem Staatsdienst geschasst und verhaftet. Zum großen Teil wurden sie verhaftet. Wo sind sie alle? Die Gefängnisse müssen brechend voll sein. Lehnen wir uns zurück und schauen zu, wie weit die Dankbarkeit des türkischen Volkes gegenüber Erdogan noch geht. Im Moment wirkt noch die Euphorie, was wenn sie vergangen ist, wenn der Alltag das Land und seine Bürger eingeholt hat. Werden dann jene, die ihm gestern zugejubelt haben, seine größten Feinde?

 
Es ist nicht so, dass ich wem auch immer Leid gönne, aber so ein klein wenig Schadenfreude regt sich dabei, wenn Verwandte jener, die ihm ihre Ja-Stimme von meinem Land aus gegeben haben, ihres Jobs beraubt werden. Ich gehe auch nicht mit der Kanzlerin konform die doppelte Staatsbürgerschaft ohne jede Kritik so zu belassen wie sie ist. Sie gehört auf den Prüfstand, hier in Deutschland, wie bei allen europäischen Staaten.

 
Die britische Premierministerin May, das noch fix bevor ich zu Erdogans Epilieren von Körperhaaren zurückkehre, musste erfahren, dass es ganz so einfach wie es sich vorstellte, wohl doch nicht gehen wird: Austrittsverhandlungen und gleichzeitig darüber verhandeln wie es künftig für Großbritannien aussehen wird – daraus wird wohl nichts werden. So jedenfalls stellen es sich die EU-Menschen aber nicht vor. Endlich mal, keine Ahnung wann es jemals zu vor gewesen war, ist sie die EU einig. Ihr Austritt schafft Einigkeit, komisch ist das schon. Niemand da, der es den Briten leicht machen wird.

 
Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass die Alten auf der Insel die Jungen auflaufen lassen. Ein paar mehr junge Wähler an den Urnen, welch Ironie dieses Wort in diesem Moment, und alles wäre gut gewesen. Merkwürdig kommt es mir auch vor, weil ein Referendum nicht bindend ist, das Parlament hätte es schlicht und ergreifend kalt laufen und überstimmen können. So ähnlich wie hier in Berlin, wo es um Tegel geht. Die Berliner wollen gerne Tegel gerne behalten, wenn der BER eröffnet ist. Wobei, wir sollten uns nicht so viele Gedanken machen, es sieht gut für Tegel aus, weil ich nicht sehe, dass der BER jemals eröffnet werden wird. Zurück zu den Briten. Die Premierministerin May, hat kurzer Hand Neuwahlen angesetzt, um ihre eigene Verhandlungsposition bei der EU zu stärken. Na ja, blödes Mittel, weil es nichts an den Fakten ändern wird, außer … ein Schelm, der Böses dabei denkt. Ha! Der größte Witz aller Zeiten wäre der, dass die Labour-Partei siegen wird, weil sie verspricht, das Austrittsersuchen aus der EU zurückzunehmen.

 
Die Konsequenzen aus diesem Austritt sind so gigantisch mies, das kann man nicht glauben, er zerrt an der kleinsten Einheit im Staat: An den Menschen und überall dort, wo ein Partner in der Familie durch das EU-Recht keine Probleme hatte, werden jetzt Familien auseinandergerissen. Sie sind sich nicht einig, ob das eine gute Idee gewesen war. Während Marine Le Pen der Meinung ist, dass auch Frankreich diesen Schritt gehen sollte, auch wenn sie jetzt ein wenig zurück gerudert ist, um die Stimmen der Konservativen zu bekommen. Abgesehen davon geniert sie sich nicht die Rede anderer als ihre auszugeben. Wenn die Wahl vorbei ist, ob sie sich, für den Fall eines Sieges, dann daran noch erinnert? Alles Kuddel-Muddel-Wahnsinn!

 
Die EU sich moderner aufstellen, weg von Gurkenlängen und –durchmessern, hin zur nationalen Individualität innerhalb eines vorgegebenen Rahmens, lahmlegen der Lobbyisten, deren Macht bestimmend ist. Gemeinsame Außengrenzen ja, für die aber alle gemeinsam sorgen müssen, gemeinsame Strukturen ja, aber darin nationale Identität. Aber ich weiß nicht wie oft ich das hier schon geschrieben habe: ein gemeinsames Europa sicher, immer und zu jeder Zeit, aber allenfalls einen Rahmen für alle erarbeiten innerhalb dem jede Individualität erhalten bleiben kann. Dann passieren keine einheitlichen Gurken, muss keine etikettierte Flasche mit Olivenöl auf den Tischen griechischer Gastronomen stehen und genmanipuliertes Saatgut bleibt jedem selbst überlassen. Das ist alles recht einfach zu regeln.

 
Dann hätte Frau May nicht so viele Probleme den Austritt moderat zu gestalten, wobei es sicher auch nicht dazu gekommen wäre. Aber wie kam ich jetzt auf Frau May? Ah ja, das Dekret Erdogans, über die Werbung für das Epilieren, dass Frauen sich unverschämter Weise epilieren und vor allem wo, also in welchen Körperregionen sie das tun. Bleibt die Frage, wie er das kontrollieren will. Er greift nun überall ein, im Fernsehen verbietet er diverse Shows, den Frauen erklärt er was sie wo und wann tun dürfen oder nicht, wo sie sich rasieren dürfen und wie oft, wie viel und überhaupt, es wird noch kommen, dass die Farbe des Klopapiers bestimmt wird, ebenso wie die Bettwäsche auszusehen hat und welcher Esel wann und wo vorausgehen soll.

 
Tja, was soll ich sagen? Auch wenn epilieren nicht der Burner ist und höllisch schmerzt, so geschieht euch das Einreden eines Mannes wie Erdogan recht. Die tiefe Verschleierung für alle steht vor der Tür, das Ende des freien Lebens ist längst schon erreicht, das letzte I-Tüpfelchen habt ihr ihm durch das Referendum gegeben. Wobei ich meine Zweifel hege, ob er wirklich die Mehrheit hatte. Ich habe vorher gesagt, selbst wenn er nicht gewinnt, so gewinnt er mit knapp über 51%. Fand ich schon gruselig, das so genau kalkulieren zu können. Ich glaube auch nicht, dass der Putsch wirklich ein Putsch gewesen war, der sich gegen ihn gerichtet hatte, sondern einer, den er initiiert hatte, was irgendwann ganz sicher ans Tageslicht kommen wird.

 
Es wäre vermessen, wenn ich schreiben würde, dass ich das den Menschen in der Türkei gönne. Auch, wenn ich eingangs geschrieben habe, dass ich es den Ja-Sagern gönne, wenn sie sich um ihre Angehörigen Sorgen machen müssen. Ich wünsche keinem unschuldigen Menschen den Entzug seiner Rechte, seiner Freiheit oder gar seines Lebens. Ich wünsche den Aufrichtigen, den Ehrlichen, die gegen Erdogan gestimmt haben, dass sie jetzt nicht die Quittung dafür bekommen werden. „Nein“ gewählt zu haben, ist kein Grund alle Rechte entzogen zu bekommen. Er hat überall Menschen ausspionieren lassen und wenn ich in manchen Talkshows manche türkischen Politiker argumentieren höre, da fällt mir Schlimmeres ein, als nur *krrreeeeiiisssccchhhh!!!!* zu schreiben. Man sollte sie einfach nicht mehr einladen.

 
Ich bin ehrlich, aber ich möchte kein Land in der Gemeinschaft der EU haben, das sich im Rückwärtsgang auf das Mittelalter zubewegt. Denn dorthin wird Erdogan die Türkei führen, zu Scharia und Todesurteil, zu steinigen und strangulieren, zu Gliedmaßen abhacken und auspeitschen, weil Frauen sich gegen ihre Männer wehren, nicht heiraten wollen, wer ihnen geboten, Männer anderer Meinung sind und sich zur Wehr setzen. Ein Land mit dem Koran in der einen Hand und dem Hackebeil in der anderen. Nein, nicht wirklich. Dennoch meine ich, man muss mit diesem Land im Gespräch bleiben, auch wenn man es nicht gerade in die EU einladen muss. Handelspartner sicherlich, warum nicht, Gelder fließen lassen für lau?

 

Nein, bestimmt nicht mehr, aufhören sich davor zu fürchten, dass Erdogan, mit seinem Namen verbinde ich immer das Wort „klein“, irgendwann die Grenzen wieder öffnen wird. Selbst diese Drohungen nutzen sich ab. Gelder, die wir für die Flüchtlinge bezahlen, werden diese sicherlich nicht erreichen. Machen wir uns nichts vor, weil die Wirtschaftslage in der Türkei weiter rückläufig sein wird und in weiten Teilen, zum Beispiel des Tourismus, bereits ist. Eine Frage der Zeit bis die Menschen auf die Straßen gehen werden.

 
Werbung für das Epilieren soll es nicht mehr geben, Hochzeitsshows auch nicht, keine Unterhaltung mehr für die Menschen über das Fernsehen und das per Dekret, was dafür gar nicht eingesetzt werden darf. Aber das Gesetz ist er und wenn er etwas sagt, ein Dekret erlässt, dann ist er das Gesetz und alles ist rechtens. Mit diesem Recht wurde er ausgestattet. Im Zusammenhang mit dem Substantiv „Dekret“ fällt mir noch jemand ein, aber da klappt das nicht so.
Ich drücke allen Familien, deren Einkommen durch die Entlassung per Verhaftung in der Türkei verloren ist, dass sich rasch alles zum Besseren wendet.

 

Ich wünsche es der Türkei, dass der Weg nicht ganz so weit in das Mittelalter zurückführen wird, dass es vorher der Prozess aufgehalten werden kann. Während wir weiter in Friede und Freiheit leben, kämpfen dort gerade so viele Menschen um ihre Freiheit, um Gerechtigkeit. Laßt es Euch gut gehen!

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