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Ich komm‘ in Kleidern meiner Schwester …

Ich habe hier vor einigen Tagen einen Beitrag über Urlaub, wie er früher war, geschrieben. Dafür habe ich meinen Fotoalbum nach Bildern durchforstet, die das ein wenig zeigen konnten. Meine Geschwister und ich hatten jeder seinen eigenen Fotoalbum, wofür sich mein Vater hinsetzte, Bilder sortierte, die er dann in die Alben verteilte. Das war schon anstrengend für ihn,  mit seinen nicht gerade kleinen Männerhänden, die Bilder in die Fotoecken zu fummeln. Ich blätterte durch den Fotoalbum und fand Bilder. Dabei fiel mir etwas auf, das jeder, der Geschwister hat, selbst erlebt haben kann.  

Da waren sie die Bilder, die meine Schwester und mich in gleichen Kleidern zeigten. Das an sich wäre nicht so schlimm gewesen, wären da nicht die knapp sieben Jahre Altersunterschied gewesen. Das hatte nachhaltige Auswirkungen auf meine Garderobe. Weshalb? Ich trug die Kleider meiner Schwester auf, die von einer entfernten Verwandten genäht worden waren. Sie war wirklich sehr entfernt verwandt und wohnte für die damalige Zeit auch noch ziemlich weit weg von uns, und zwar in Kaub am Rhein. Kaub, ein kleines verträumte Kaff, vorne der Rhein, hinten die Bahnstrecke. Bei Hochwasser bekam unsere  Tante Gertrud regelmäßig nasse Füße. Aber sie wollte auf ihren Blick auf den alten Vater Rhein einfach nicht verzichten.

Es war immer aufregend, fand ich damals jedenfalls, wenn wir die Tante holten. Das ging am Morgen los, unterwegs wurde dann eine Kleinigkeit gegessen, mit der Fähre übergesetzt und bald darauf saß die Tante im Auto und wir waren wieder auf dem Weg nach Hause. Dieses Ereignis trat zwei Mal im Jahr ein. So lange die Tante noch eigenständig reisefähig war,  passierte es, dass sie plötzlich und unerwartet vor der Tür stand, was meine Mutter dann stets entzückte, weil es die gesamte Familienstruktur komplett über den Haufen warf.

Auf der anderen Seite war sie mehr Oma, denn entfernte Antante, war von Beruf Schneiderin, verdiente sich zu ihrer mehr als kargen Witwenrente ein paar Mark durch das Nähen und Abändern von Kleidungsstücken dazu. Sie war eine bescheidene Frau, vermietete zwei Zimmer ihrer 3-Zimmerwohnung, damit sie die Wohnung, mit Blick auf den Rhein, halten konnte. Sie musste noch Kohle schleppen, hatte in ihrem Zimmer einen Ofen, den sie spärlich beheizte. Sie war mehr als eine entfernte Verwandte, für uns Kinder war sie ein  perfekter Omaersatz. Sie spielte mit uns so intensiv, dass es gelegentlich passierte, dass die Suppe, die sie vorbereiten sollte anbrannte, oder die Eier, die gekocht werden sollten, weil das Wasser verkocht war im Topf herumschossen und so Vieles mehr. Sie kochte Reisbrei, den nur sie alleine aß, weil das bei uns kein beliebtes Essen war. Und sie nähte.

Knöpfe, die sie angenäht hatte, hatten lebenslanges Bleiberecht am Mantel, der Bluse, der Hose, die gingen nie wieder ab. Sie nähte nach Schnittmuster und das perfekt. Sie war es, die Kleider für meine Schwester und mich aus Stoffen nähte, die meine Mutter wo auch immer her besorgte, meterweise. Das sah dann ungefähr so aus: Im ersten Jahr passte das Kleid bei meiner Schwester und bei mir recht üppig, war an der Grenze zu „fast zu groß“. Im folgenden Jahr passte das dann perfekt. Im nachfolgenden wurde der Saum und falls nötig die Nähte ausgelassen, wobei ein kleiner Rest drin blieb, es könnte ja noch ein viertes Jahr geben.

Der Größenunterschied zwischen meiner Schwester und mir war trotz des Altersunterschieds von knapp sieben Jahren nicht so bedeutsam, war nach ungefähr vier Jahren von mir aufgeholt. Also wurde das Kleid, das meiner Schwester nun zu klein war, für mich wieder auf den Stand des ersten Jahres verkleinert, so dass ich in den Genuss weiterer knapp vier Jahre des Modells kam. Die Stoffe waren zeitlos unifarben, eine Spitze, die aufgenäht war, konnte mühelos versetzt werden. Natürlich bekam ich auch eigene Modelle genäht, wo es keine größere Ausgaben von gab, aber ich kann mich erinnern, dass ich oft in abgelegten Kleidern meiner Schwester daher gekommen war. Ich habe das nicht unbedingt als Privileg angesehen und habe dieses Auftragmodell bei meinen eigenen Töchtern nie durchgeführt. Übrigens gingen die Kleider noch zwei Stationen, bei gleichem Procedere weiter: sie gingen zu einer Freundin meiner Mutter, die eine Tochter hat. Dazwischen, bis diese die Kleider tragen konnte, gingen sie zuvor noch an die Freundin der Freundin, die ebenfalls eine Tochter hat, ein wenig älter.  

Ich kann nicht nähen, einen Knopf kann ich natürlich annähen, eine geplatzte Naht schließen. Das ist kein Problem. Aber ich kann keine Kleider nähen, das ist auch gut so. Die Tante indes spielte mit uns unverdrossen weiter, egal ob nun Eier, Erbsensuppe oder Kartoffeln auf dem Herd standen. Dazwischen nähte sie die nächsten Modelle, änderte die alten ab. Es war toll, wenn sie da war, richtig genial, wenn sie überraschend kam und für zwei oder drei Wochen geblieben war. Das rüttelte uns so richtig heavy durcheinander.

Tante Gertrud war sehr betagt als sie gegangen ist und jedes Mal, wenn ich Bilder sehe, die meine Schwester und mich in gleichen Kleidern zeigen, muss ich nicht nur an die acht Tragejahre denken, sondern vor allem an sie, unsere Ersatzoma, denken, die wir liebevoll „unseren Tintenfisch“ nannten.  

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4 Kommentare zu „Ich komm‘ in Kleidern meiner Schwester …“

  • Ria says:

    Ich bin ja so froh, dass ich die ältere von 2 Schwestern bin!!!

  • Gitta says:

    Liebe Ria,

    schön von Dir zu lesen, ich hoffe es geht Dir gut.

    Eine große Schwester zu haben ist so doof auch nicht. Sie war sieben Jahre älter und es gab Zeiten, da haben wir die Piste gemeinsam unsicher gemacht. Mit ’ner Menge Spaß. Wenn ichmir manche Bilder angucke, da habe ich über Jahre ähnliche Kleider gleichen Stoffes an, aber wenn du es gar nicht anders kennst, da nimmst Du das hin, blieb mir sowieso nichts anderes übrig.

    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
    Gitta

  • barbara2 says:

    also ich finde, das geht doch noch. ich habe bis ins alter von 16 nur kleidung der verwandten aufgetragen, sogar mein kleid zum abschlussball war geerbt

  • Gitta says:

    Da gab es dann doch keine Verwandten mehr, die mir da hätten etwas vererben können. Mein Abschlußballkleid war ein violetter Traum zu dem die gelben Teerosen unglaublich gut gepasst haben. Meine Schwester begann relativ früh von zu Hause auszuziehen, stückchenweise, weil ihr Freund und späterer Mann, mit seiner Mutter ein Ausflugsrestaurant betrieben hatte. Sie ackerte da jedes Wochenende, blieb logisch dann auch über Nacht. Figürlich entwickelten wir uns zeitversetzt. Das letzte, das ich dann immer mal gerne getragen habe, waren Jeans mit einem Schlag der unglaublich war und der Reißverschluß war hinten. Das war ein Geschoß, die habe ich heiß und innig geliebt. Danach war Schluß. Aus Blödsinn haben wir uns ab und an mal gleiche Kleider gekauft und da wir uns mal eine Weile recht ähnlich sahen, war das immer witzig, dass es da Probleme gab uns auf den ersten Blick auseinander zu halten. War schon eine tolle Zeit!

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