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Peng! oder Schuß vor den Bug?

Es ging mir nicht so gut in den letzten Wochen, was der Grund war, dass ich mich hier rar gemacht und in ärztliche Behandlung begeben habe und zwar noch vor Weihnachten. Was immer es war, es hat mir jegliche Vorfreude auf Weihnachten genommen und einen Strich durch die von mir so geliebte Adventszeit gemacht. Einzig ich habe eine großartige Familie in der jeder einen Part mehr übernommen hat.  

Ich bin figürlich das, was die Zeitschrift „Brigitte“ nicht mehr abbildet: eine ziemlich schlanke Frau. Auch das soll es geben. Freiwillig bin ich nicht so dünn, es ist halt so, bringt zumindest bei mir meine Krankheit augenscheinlich mit sich. „Meine“ Krankheit ist das, womit ich seit unzähligen Jahren lebe. Zuerst lange Jahre in denen die Ärzte gesucht und nichts gefunden haben (weil sie die Untersuchungen mehr als mangelhaft durchgeführt haben) und nun fast ebenso lange schon mit einer Diagnose, weil „mein“ Doc, bei dem ich seit Diagnose in Behandlung bin, der Krankheit endlich eine gegeben hat. MS, Rheuma, Gicht und Diabetes, das sind die Krankheiten, die salonfähig sind, über die man spricht, meine nicht. Treffen sich drei Freunde:

„Na was macht dein Zucker?“

„Ach, dem geht es gut und deine Gicht? Der große Zeh wieder in Ordnung?“

„Ja, ich kann nicht klagen. Und du? Was macht dein Rheuma?“

So oder ähnlich verlaufen die ersten langen Minuten, wenn man sich zu einem freundschaftlichen Essen trifft. Nicht immer, aber mit zunehmendem Alter immer öfter. Na ja, wenn man dann meine Krankheit hat, da sitzt man eher daneben, weil wer fragt schon gerne : „Und? Was macht dein Stuhlgang?“ Also hält man sich stets zurück, vermeidet jedes Outing und hört den anderen zu.

 Angeschlagen und mit ordentlichen Schmerzen versehen, machte ich mich kurz vor Weihnachten auf, um mich noch untersuchen zu lassen. Keine große Sache, dachte ich, allerdings fand die Ärztin, was da nicht sein sollte und trug an Polypen ab, was sie abtragen konnte. Insofern hatten meine Schmerzen etwas Gutes, denn ich wäre erst im März oder April zur regelmäßigen Routineuntersuchung gegangen. „Glück gehabt!“, dachte ich da noch, denn meine Schwester ist an einem Coloncarcinom (Darmkrebs) im Alter von 52 Jahren innerhalb von drei Monaten gestorben. Einfach so, ohne mich zu fragen, ob sie das überhaupt darf und ohne jede Chance weiter zu leben. Ich hätte es ihr natürlich verboten, einfach so zu sterben. Ich will das nicht und deswegen gehe ich sehr regelmäßig zur Vorsorge, immer dann, wenn mein Doc meint, dass es sein muss. Dieses Mal hatte ich ihm ein halbes Jahr mehr zwischen zwei Untersuchungen aus den Rippen gepresst und bin dankbar dafür, dass ich diese Schmerzen hatte. Kurz vor dieser Untersuchung, schon dort in der Klinik, bekam ich es schlagartig mit Muskelkrämpfen zu tun und meine Hände verharrten für Minuten in verkrampfter Pfötchenhaltung, was mit heiteren bis lustigen Kommentaren belegt worden war. Ich fand das da schon gar nicht witzg.

Die Untersuchung brachte nix Dramatisches zutage, aber einen Haufen Medikamente und das Ende der Schmerzen. So richtig gut ging es mir dennoch nicht. Der Verdacht lag nahe, dass ich mich bei meiner Mutter infiziert hatte, die seit Wochen an einer Infektion herum laborierte. Zuerst weil sie falsch behandelt wurde, dann weil die Behandlung ewig lange dauert.

Über Weihnachten habe ich mich irgendwie gehangelt, hatte die Ahnung, dass ich mir bei meiner Mutter Clostridien eingefangen hatte. Keine Ahnung wie, weil ich mich von ihr fern gehalten hatte, so gut das eben gegangen war. Nach Weihnachten dann, ich hatte unglaubliche Durchfälle und war weit entfernt davon zu behaupten, dass es mir gut geht. So ging ich im alten Jahr noch eben rasch zur Blutentnahme, anstatt wie vereinbart am Donnerstag bereits am Mittwoch, dabei gleich mal eine Stuhlprobe abgegeben. Kein leichtes Unterfangen bei modernen Toilettenanlagen eine Stuhlprobe einzufangen und ich werde einen Teufel tun und es nicht verraten wie. Soll sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Aber es ist im wahrsten Sinne des Wortes sehr amüsant auf welche Ideen Menschen mit solchen Toilettenanlagen kommen, wenn sie aus welchen Gründen auch immer Stuhlproben abgeben müssen. Man kann, ausgestattet mit dem entsprechenden dunklen Humor, dabei Tränen lachen.

Am Mittag dann, kam der Anruf der Klinik, dass ich umgehend Kalium-Brausetabletten trinken solle, da dieser Wert bei mir viel zu niedrig sei. Wer hat schon Kalium-Brausetabletten im Haus? Also ab in die Apotheke, gleich die erste nach Anweisung getrunken. Nach vier Stunden sollte ich die zweite trinken, was ich auch getan habe und danach ging das los: Ich saß auf dem überaus bequemen Sessel vor meinem Laptop und schlagartig war mein Körper ein einziger Muskelkrampf, einzig ich konnte klar denken. Aber ich konnte minutenlang nicht schlucken, bekam nur schlecht Luft, weil ich das Gefühl hatte, dass alle meine inneren Organe, zu einem einzigen Krampfball geworden sind und sie sich dabei gegenseitig behinderten und den Raum des anderen forderten um ihre Arbeit tun zu können. Ich habe ordentlich gekämpft um nicht in Panik auszubrechen, habe mich gezwungen ruhig zu bleiben und als die Feuerwehr kam, da ließ das etwas nach, ohne allerdings ganz zu Ende zu sein.

 Man brachte mich also mit verkrampfen Händen, aber fähig wieder ordentlich zu atmen in die Erste Hilfe des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe, wo am Morgen die Blutentnahme statt gefunden hat. Ich bezog ein Zimmer auf Station 9, wo ich, wenn ich schon bleiben musste, auch hingebracht werden wollte. Man kennt mich schon auf der Station und ich fühle mich da gut aufgehoben. Am nächsten Morgen hatte ich die Wahl zwischen Pest und Cholera und egal für was ich mich entscheiden würde, ich würde bleiben müssen. Einen ZVK (zentralen Venenkatheder) habe ich abgelehnt, was mir sicher kein zweites Mal so passieren wird. Wenn ich nochmals so entgleisen würde, oder es andere Gründe gäbe, ich würde einen nehmen.

Ich habe also das neue Jahr auf der Station 9 in Havelhöhe begrüßt, habe das Feuerwerk auf der anderen Seite des Wannsees gesehen, hat man auch nicht alle Tage und sah nett aus. Im Krankenhaus zu sein ist generell nicht sehr prickelnd, aber es war absolut notwendig, da führte, sagte man mir kein Weg dran vorbei. Alle waren sehr nett gewesen, was sie dort immer sind, zumindest ich kann mich nicht beklagen. Ich werde deswegen auch wieder einen Käsekuchen für die Station backen, den ich dann Donnerstag vorbei bringen werde, wenn ich zur Kontrolle gehe.

 Ich bin inzwischen wieder zu Hause, wäre auch noch ein Tag länger geblieben, wenn es hätte sein müssen, habe eine beachtliche Menge an Medikamenten auf meinem Plan, aber das wird mit der Zeit weniger werden, diese Gewissheit habe ich.

Ich weiß biochemisch was passiert ist, das auf jeden Fall, trotzdem war ich von dem Geschehen in dieser Wucht überrascht worden und ich habe keine Ahnung weshalb es so schnell so gekommen war. Ich habe immer noch ein wenig Probleme Luft zu bekommen, wenn ich schnell trinke, aber meine innere Ruhe hilft mir über solche Attacken hinweg. Das Erlebte, diese Tetanie war, auch wenn ich zum Entsetzen der Anwesenden, über mich selbst gelacht habe, kein sehr schönes Gefühl, die Enge in mir, verbunden mit dem Gefühl gleich zu explodieren, nicht schlucken können, nur sehr mühevoll Luft zu bekommen, das aufdringliche Kribbeln in meinen Gliedmaßen, die minutenlange Unfähigkeit meine Hände aus der Fauststellung heraus zu bekommen, das immer wieder aufgetretene Verkrampfen meiner Hände und einiges mehr, all das ist etwas, das der Mensch nicht haben muss.

Egal, nun bin ich wieder da, noch nicht zu hundert Prozent, aber bald.

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10 Kommentare zu „Peng! oder Schuß vor den Bug?“

  • Christian Grauer says:

    Du kannst einem ja ganz schön einen Schrecken einjagen 😮 – Gute (Rest-)Besserung! Sagte die Klinik wirklich Kalium, oder vielleicht Kalzium??

  • Gitta says:

    Die Klink sagte Kalium, was auch viel zu nedrig war. Kalzummangel war für die Krämpfe verantwortlich und das fehlended Magnesium tat den Rest. Der Doc meinte es sei eine sehr schwere Entgleisung gewesen. Tja wenn, dann mache ich so was richtig und erschrocken war ich ehrlich selbst :-). Aber das wrd schon werden …

  • Annegret says:

    Hallo Gitta,

    Dein neues Jahr hat aber übel angefangen. Ich wünsche Dir, daß sich Dein Körper erholt und daß Du Deine Kraft wiedererlangst. An innerer Kraft scheint es Dir nicht zu fehlen. Ich glaube, ich hätte die totale Panik bekommen. Es ist schön, wieder von Dir zu lesen. Ich hatte Dich schon vermisst.

    Viele Grüße

    Annegret

  • Liebe Gitta,

    bitte komm schnell wieder auf die Beine. Ich wünsche dir beste Besserung und das sich dein Körper gut und schnell erholt. Lass es dir gut gehen, so gut es geht.

    Viele, viele Grüße

    jens

  • Ute says:

    Liebe Gitta,
    wünsche Dir dass Du bald wieder auf die Beine kommst. Trotz des nicht so tollen Start in 2011 wird es bestimmt trotzdem ein gutes Jahr für Dich werden. ich bin mir da ganz sicher. Das liegt natülich auch an Deiner inneren Einstellung, dass ich mir so sicher bin.
    Ganz herzliche Grüße
    diesmal aus Forchheim
    Ute

  • Gitta says:

    Lebe Annegret,

    fühlt sich gut an, wenn man vermisst wird. Ich denke schon, dass alles wieder in Ordnung kommen wird, wenn auch ncht gleich morgen, aber übermorgen da dann bestimmt. Ich mache noch ein wenig langsam, genieße den Tag. Irgendwann kommen dann auch wieder mehr Beiträge auf meinen Blog.

    Herzlich
    Gitta

  • Gitta says:

    Lieber Jens,

    ich werde das schaffen auch wenn es noch ene Weiile braucht bis alles wieder im Lot ist. Doc hat schon angekündgt, dass es eine Weile brauchen wird. Gut, dann ist es eben so. Ich werde auf jeden Fall meinen Teil dazu beitragen.

    Ich folge Deinem Rat und lasse es mir gut, lese, ruhe mich aus, tue manchmal gar nix.

    Herzliche Grüße
    Gitta

  • Gitta says:

    Liebe Ute,

    aber klar doch lasse ich mich nicht unterkriegen. Ich nehme es, das gute Jahr 2011 und vergesse den doofen Start mal ganz schnell. Obwohl so schlecht war der Start ja gar nicht: von meinem Bett aus konnte ich ein tolles Feuerwerk sehen, war umsorgt von ganz tollen Ärzten, Schwestern und Pflegern und hatte obendrein keinen tollen Kopf am nächsten Tag, war im Gegenteil ausgeruht. Also in allem, das auf den ersten Blick doof ist, liegt auch etwas Gutes.

    Herzlich
    Gitta

  • barbara2 says:

    was mich interessiert: wodurch hattest du diesen akuten mineralstoffmangel? hat der darm nicht mehr resorbiert nach der op? es waren ja fast alle wesentlichen. ein glück, das du das meiste hinter dir hast und inzwischen genug ruhe, um nicht in panik zu geraten.

  • Gitta says:

    Meine Mutter hat sich in der Reha Clostridien eingefangen und ich habe das zu meinem Schubgeschehen dazu bekommen. So war das irgendwann nicht mehr aufzufangen und der Verlust an Flüssigkeit und Mineralen nicht mehr zu korrigieren.

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