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Rolltreppenphänomen

Das Rolltreppensyndrom kennt mit Sicherheit jeder, der schon mal Rolltreppe mit Vordermann gefahren ist. Wobei der Vordermann, die Vorderfrau nicht zwangsläufig bekannt sein muss. Hintermann, Hinterfrau auch nicht. Auf jeden Fall liebe ich diese Situationen, vor allem dann, wenn ich es eilig habe. Samstag zum Beispiel, ich war mit meiner Mutter beim Friseur, der in der Nähe des KaDeWe sein Geschäft hat. Als ich schon fertig war und sich ein kleines Zeitfenster für mich ergeben hat, bin ich fix rüber ins KaDeWe geflitzt, um dort ein Baguette zu kaufen, das Beste der Stadt und von Lênotre. Mehr wollte ich nicht, zu mehr reichte es angesichts des erlebten Rolltreppensyndroms auch nicht.

Ich also, nett hergerichtet vom Friseur, losgedüst in Richtung des Objekts meiner Begierde. Das sind schon ein paar Meter und ich hatte ordentlich beschleunigt. Die Beschleunigung musste ich gleich im KaDeWe herausnehmen, weil dichtes Tourigedränge haltlose Raserei zu Fuß nicht zulässt. Hinein ins Gebäude, Seiteneingang, weil ein Durchkommen am Haupteingang gelegentlich einem Husarenritt gleich kommt. Kurz orientiert, Rolltreppe gefunden, zielstrebig darauf zu und fast schon auf ihr nach oben gefahren, wäre da nicht kurzer Hand und ganz plötzlich Fritz mit seiner Emma in meiner Bahn aufgetaucht.

Abrupt gebremst, die hinter mir laufen auf. Fritz zu Emma:

„Emma, müssen wir wirklich ins 1. Obergeschoß mit der Rolltreppe?“

Emma, noch immer unschlüssig am Anfang der Rolltreppe stehend, gibt sich einen Ruck:

„Komm‘ schon!“

Immerhin setzen sie sich nun in Bewegung. Ich stand zu dicht als dass ich auf die andere Rolltreppe hätte schwenken können. Ein Teil der Lemminge hinter mir kleben auch noch in dieser Reihe. Fritz und Emma laufen los, erstürmen die rollende Treppe und schweben sanft nach oben, sofern das unter diesem Gewicht überhaupt möglich ist. Das ist der Grund weshalb ich die Beiden auch nicht einfach beiseite schieben konnte und ein Stupser von mir hätten sie gar nicht bemerkt. Nun gleiten wir also nach oben, ich betrachte mich noch mal fix und warte darauf gleich auf die nächste Rolltreppe einschwenken zu können.

Oben angekommen. Fritz und Emma verlassen beide ohne jeden Schaden die Rolltreppe, um gleich danach gerade mal einen Schritt später schlagartig stehen zu bleiben, weil sie nicht wissen, wohin sie nun gehen müssen, denn das KaDeWe baut seit Jahren mit mehr oder weniger Sinn um.

Fritz schaut sich suchend um:

„Emma, da war doch immer die …“

„Ich weiß ja auch nicht, Fritz, das sieht alles so anders aus als vor zehn Jahren.“

Ich mahne leise aber bestimmt:

„Egal wie auch immer: die Lemminge sind da und wollen auch alle von der Rolltreppe herunter.“

In seiner Betrachtung gestört macht das Paar einen Satz nach vorne was dem Rest auf der Treppe Gelegenheit gibt, an ihnen vorbei die nächste auf dem Weg nach oben zu erklimmen und in Lemmingeformation weiter zu tippeln. Ich weiß, es ist Legende, was über Lemminge erzählt wird.

Erlebtes wiederholt sich bis zum sechsten Stockwerk, denn da will ich ja hin, noch drei Mal ehe ich oben ein klein wenig entnervt den Brotstand von Lenôtre entdecke. Wer nun annimmt, dass man hier genüßlich laufen kann, der irrt. Hier kommt es zu Spontanbremsungen immer dann, wenn Hilde, ganz entzückt ihren Herbert mit dem Ausruf „Oh, Herbert, schau mal da! Das wäre doch etwas, oder nicht?“ am Ärmel zieht, so ungeachtet der nachfolgend Eilenden, einen Megastau im Gang zwischen Austern rechts und Zackenbarsch links verursacht. Herbert, der an ein nettes, kühles Bier im Mittelhof denkt, reagiert alles andere als entzückt, lässt es schweigend über sich ergehen. Der Gang beim Frischfisch ist immer voll und eine kleine Störung des Verkehrsflusses hat ungeahnte Auswirkungen.

Dazwischen gibt es natürlich auch Bahnen auf denen man Geschwindigkeit aufnehmen kann, weil kein Mensch sich für tote Hühner interessiert, was nicht heißt, dass hier kein Umsatz ist, aber da gibt es eben nix zu gucken, hin Huhn kaufen, fort.  Beim Fisch ist das anders, das dauert Stunden bis der davor zuerst beraten, dann noch mal beraten, dann der Fisch zubereitet ist, dann noch ein Fitzelchen anderes auch noch dazu gekauft ist. Das dauert eben seine Zeit. Ich wollte einfach nur Baguette kaufen, konnte es aber wie immer nicht lassen, durch die hohle Gasse zwischen Austern und Zackenbarsch zu gehen, das frei nach Schillers Wilhelm Tell. Ein bißchen Kultur zwischen Fischen kann nicht schaden. Ich habe mich dort auch nicht beklagt, habe die Ruhe in der Abteilung danach genossen, ehe ich mich über den Rückweg mit der Rolltreppe gemacht habe und nein, ich finde das unterhaltsamer als mit dem Aufzug zu fahren, der in jedem Stockwerk hält, weil der Troll, der eben ausgestiegen ist, aus Jux und Dollerei für jedes Stockwerk den Knopf gedrückt hat.

Ich habe es geschafft, habe die Rolltreppe ohne größere Auflaufunfälle überstanden und war einigermaßen in Zeit wieder beim Friseur um dort meine Ma abzuholen, die inzwischen auch auf dem Kopf generalüberholt war. Ich ärgere mich nicht über diese Rolltreppenbremser, finde das immer wieder lustig, vor allem dann, wenn ich es zwar eilig, aber nicht supereilig habe. Ich kann es Euch empfehlen, probiert das mal aus, ein hoher Unterhaltungswert ist garantiert. Aber wenn ihr es tut und egal was ihr danach immer tun werdet: Laßt es Euch gut gehen.

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1 Kommentar zu „Rolltreppenphänomen“

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