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sentimental review

Gestern hatte meine Ma Geburtstag. 87 Jahre und ein Hammerleben, mit vielen Höhen und vielen Tiefen. Ich weiß das, weil ich ihr Leben eine ganze Weile miterlebt habe und miterlebe. Ihre Biografie ist zum Teil auch meine. Keine einfache. Sie wurde dadurch geprägt, ich auch. Aber um mich geht es nicht, sondern um sie. Sie ist eine enorm starke Frau. Wie sonst kann man überleben, wenn man seine Jugendzeit im Krieg gelebt hat und als er vorbei war, da war nicht viel, keine große Chance sich etwas auszusuchen. Sie musste nehmen was sie bekam.

Das mag komisch klingen, aber großartig Ausbildung in einem zerstörten Land war nicht und die Jobs waren auch nicht so unendlich gesät. Sie fand dann irgendwann einen Job. Da war nichts großartig mit Rechten am Arbeitsplatz, da sagte der Chef oder die Chefin „Hüpf!“ und du bist gehüpft, weil du keine andere Wahl hattest. Aber diese Generation hat es verstanden zu feiern, Partys zu reißen. Sie hatten nichts, aber dennoch irgendwer hat in dieser lauen Zeit organisiert. Sie vergaßen die nicht, die nicht mehr aus dem Krieg kamen, aber sie lebten im Jetzt und nicht in der Vergangenheit. Bei einer solchen Gelegenheit trafen sich meine Eltern. Das war es. Nicht gesucht, doch gefunden und ein Herz und eine Seele geworden. Das waren die beiden, ich muss das wissen. Meine Ma war diejenige, die gerne mal das HB-Männchen war, er aber, mein Pa, ließ sich davon nicht aus seiner unglaublichen Ruhe bringen. Der Krieg und die Nachkriegszeit war es, die beiden ihren Berufswunsch versemmelt hat, aber genau diese Zeit war es, die diese zwei Menschen zusammengebracht hat. Ein Klavier, mein Vater konnte unendlich viele Lieder ohne Noten spielen, ein Raum in irgendwelchen Ruinen, jeder brachte etwas mit und dann wurde gerockt. Irgendwann wurde mein Vater auf offener Straße niedergestochen. Eine Verwechslung. Er hatte Glück. Sie auch. Ich ganz sicher, sonst gäbe es mich nicht. Sie haben geheiratet, ein Jahr danach wurde meine Schwester, 15 Monate später mein Bruder geboren. Mein Großvater wollte ein kleines Imperium aufbauen, meine Eltern arbeiteten mit. Keine leichte Aufgabe für meine Mutter, was sie eine ungewollte Schwiegertochter. Irgendwann wurde ich geboren. Da bin ich. Ein kleiner Hinweis, sollte mein im Moment größter Gegner vom FA hier mitlesen und glauben er weiß nun alles, er weiß nichts, gar nichts. Sorry, das musste sein, das konnte ich nicht vermeiden. Meine Ma wird es verstehen, dass ich das an diese Stelle geschrieben habe.

Meine Eltern arbeiteten viel, hatten dafür wenig Lohn. Urlaub, wie man das heute kennt? Nein, ein paar Tage ohne Kinder, das war es. Sie hat sich in diesen Tagen nach uns verzehrt, er hat ihr daraufhin versprochen, dass sie im Urlaub nie mehr auf ihre Kinder verzichten muss und baute einen Wohnwagen. Dann zogen wir los, ich glaube ich habe darüber schon geschrieben. Irgendwann fand meine Schwester einen Mann, oder er fand sie, keine Ahnung. Sie heiratete, zog aus. Dann heiratete mein Bruder, machte sie zu Großeltern und starb elendig im Alter von 25 Jahren. Das kann man niemandem beschreiben wie sich das anfühlt, wie ein Mensch dieses Schicksal überleben soll. Aber sie hatten sich, standen fest zueinander und schafften es gemeinsam zu überleben. Ich glaube sie war die Starke in diesem Part. Mein Pa der Sensible. Irgendwann verließ auch ich mein Elternhaus, dann wurde mein Sohn geboren, mein Neffe, meine große Tochter und wir, meine Schwester und ich kehrten in unser Elternhaus zurück, aus dem nun ein Mehrgenerationenhaus geworden war. Das war gut. Dennoch irgendwann zogen berufliche Gründe meine Schwester und mich aus dem Haus. Meine Eltern blieben zurück, genossen ihr Leben miteinander. Das war ihnen wichtig, sie miteinander, ihre Familie und ihre Freunde, mehr brauchten sie nicht. Dann ging mein Vater ein halbes Jahr danach meine Schwester und ich lebte 650km von ihr entfernt, konnte ihr nur aus der Ferne helfen. Dann kam sie zu Besuch und ihr Enkel folgte seinem Opa und seiner Tante. Emotional erlebte sie den freien Fall, das déjà vu viele Jahre zurück als ihr eigener Sohn ging.

Dann zog sie nach Berlin erkrankte sehr schwer auch durch ärztliche Behandlungsfehler, musste ihre hübsche Wohnung hier aufgeben und in eine Seniorenresidenz gehen. Sie lag richtig am Boden, aber sie hat sie wieder aufgerappelt. Sie ist eine starke Frau, 87 Jahre alt, mehr erlebt und gelebt als in diese Zeit hineingeht. Mehr ausgehalten als man aushalten kann. Sie hat nicht nur geliebt, sie wurde auch geliebt und wird es noch. Es ist noch eine Zeit hin bis ich 87 Jahre alt bin und es liegt noch eine Menge vor mir. Ich muss nicht alles erleben, was sie erlebt hat. Auf Krieg und Schmerz und Trauer kann der Mensch verzichten, auf der anderen Seite, das wissen wir alle gehört das zum Leben dazu. Sie war eine Heilige hatte immer ihre Ecken und Kanten, wie mein Vater auch, aber trotzdem bin ich stolz, dass ich ihre Tochter sein darf, sein durfte.

Wenn ihr eine Ma habt, ruft sie doch einfach an, geht mit ihr einen Kaffee trinken, überrascht sie indem ihr einfach zu ihr hingeht. Das geht auch für Väter. Geleichberechtigung. Liebe sortiert nicht nach Geschlecht.  Genießt zusammen ein paar Stunden und: Laßt es Euch gut gehen.

 

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