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28. Juli, jedes Jahr ein grausames Datum

Es war ein Sonntag, ganz früh am Morgen als sie ging, wie es ein Sonntag gewesen war, als sie geboren wurde. Am 28. Juli 2002 starb meine große Schwester. She passed away, diese Ausdrucksweise gefällt mir viel besser, als das in der deutschen Sprache ausgedrückt werden kann. Da klingt das so endgültig.

 

She passed away sagt das Gleiche aus, klingt für mich nicht so hart. Ein wenig legt man sich in solchen Fällen gerne leichtere Wege der Trauer zurecht. Sie ging an diesem Sonntag Morgen. Es war früh am Morgen und ich durfte bei ihr sein. Ich erinnere mich noch an ihre letzten Worte. Kaum vier Monate vor ihrem Tod hat sie ihre Diagnose bekommen, keine Zeit noch all das zu regeln, was geregelt werden musste. Ich weiß es klingt albern, aber nach meinem Bruder war meine Schwester gegangen, ihr Tod hat mich zu einem Einzelkind gemacht. Da fehlen Menschen, mit denen ich die Erinnerungen meiner Kindheit austauschen kann, mit denen ich über die Streiche lachen kann, die wir gespielt haben, über die gemeinsamen Urlaube mit unseren Eltern. Es fehlt einfach alles.

 

Meine Schwester war ein besonderer Mensch. Das bedeutet nicht, dass wir immer in schwesterlicher Eintracht gelebt haben, dazu waren wir zu verschieden, aber wenn es darauf ankam, waren wir für einander da. So fuhren wir im Dezember davor, unser Vater lag im Sterben, gemeinsam im Auto und besprachen so einiges, als ein Lied im Radio erklang, das sie unbedingt hören wollte. Nicht die Musik, die ich höre, aber dennoch hörte ich zu und an diesem Sonntag Morgen, habe ich mich gefragt, warum gerade dieses Lied: https://www.youtube.com/watch?v=cnHN_38U7mQ. Das vergesse ich in meinem ganzen Leben nicht mehr und manchmal höre ich es einfach an und denke an sie.

 

Auf den Tag genau drei Jahre später holte uns ein Anruf aus der Gegenwart gerissen und in ein Vakuum gestoßen, aus dem wir alle nur schwer wiederum herausgekommen waren. Jeder auf seine Art, alle gemeinsam miteinander haben wir es geschafft dieses Vakuum umzukehren, daraus zu entfliehen und es dennoch dann zuzulassen, wenn Trauer und Schmerz unbarmherzig zurückkommt, an Tagen wie diesen. Wir wurden gerufen, weil unser Andreas leblos aufgefunden worden war und der Notarzt versuchte, ihn zurückzuholen.

 

Andreas hatte ein Dravet Syndrom, das ist eine miese Krankheit eine der schlimmsten Epilepsien im Kindesalter. Unberechenbar und was heute gut ist, ist morgen nicht mehr gut. Was heute mies war, wendet sich morgen zum Guten und umgekehrt. Mein Andreas hatte sich unwiederbringlich auf den Weg über die Regenbogenbrücke gemacht und als wir eintrafen hatte ich gefühlt, dass er schon gegangen war und ließ ihn wirklich gehen. Ich darf noch immer bei den Müttern sein, deren Kinder ein Dravet Syndrom haben. Sie sagen, dass die Krankheit Dravet ein Arschloch ist. Sie haben Recht. Es ist ein miese Arschlochkrankheit.

 

Wie beschreibt man den Schmerz einer Mutter, eines Vaters, den Geschwistern, den Großeltern? Das ist unterschiedlich in Schmerz und Trauer, aber im Verlust sind sie alle gleich: Es ist unfassbar, es ist nicht mit Worten zu beschreiben. Wie beschreibt man seelischen Schmerz, zu dem sich körperlicher Schmerz gesellt. Ich kann es nur so beschreiben: Es ist der absolute Supergau, dem jedes Wort Harmlosigkeit unterstellt.

 

Andreas meine Liebe, mein zauberhafter Sohn.

 

Es vergeht immer noch kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke. Es vergeht kein Tag, an dem ich ihn nicht vor mir sehe, oder mich versuche an seinen Geruch zu erinnern. Nicht mehr mit der gleichen Intensität des damals gefühlten Schmerzes, aber mit meinem Herzen, meinen Gedanken, meinen Sinnen. Der Weg, den wir als verwaiste Familie bis ans Ende unser aller Tage gehen, ist ein endloser Weg.

 

Damals habe ich immer nur ein paar wenige Lieder gehört, das hier https://www.youtube.com/watch?v=NKMtZm2YuBE und dieses https://www.youtube.com/watch?v=6Cg_A-zCkIE und das rauf und runter, und den ganzen Tag. Ich konnte es nicht lassen. Das Letztere haben wir am Ende der Trauerfeier gespielt, als wir gegangen sind. Ich dachte, es könnte passen: The Storm is over, der ewige Sturm epileptischer Anfälle hatte sich für ihn gelegt, das Tosen und Pfeifen des Sturmes war verstummt. Für immer.

 

Morgen haben wir wieder diesen komischen doppelten Todestag. Mein Schwager sagte einmal, dass er denke, das muss einen Sinn gehabt haben, dass es das gleiche Datum ist, das sich die beiden herausgesucht haben, eben nur sind drei Jahre dazwischen. Ich weiß es nicht, das wäre ein blöder Deal, den der Tod sich da hat einfallen lassen.

 

Es wird alles lebbarer, zugegeben, aber manchmal, manchmal da ist das nicht leicht über dieses Datum hinweg zukommen und ich wäre froh, wenn ich den 28. einfach überspringen könnten. Hups und drüber, gut ist und per Wimpernschlag ist der 29. Abermitnichten passiert das nicht, wir müssen den Tag leben, so wie er ist, mit all dem Schmerz und miesen Gefühl ohne die beiden etwas versäumt zuhaben. Ich weiß nicht, wie es morgen sein wird, aber wir werden es überstehen.

 

Ich wünsche Euch allen einen angenehmen Tag, schont Euch bei dieser Hitze und bleibt drinnen: Laßt es Euch gut gehen!

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