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…nur nicht krank werden.

Meine Mutter hatte vor kurzer Zeit einen Herzinfarkt. So etwas kommt in den besten Familien vor. Als es ihr schlecht wurde riefen wir die Feuerwehr, die dann auch irgendwann eintrudelte. Obwohl der Leitstelle exakte Angaben gemacht wurde, musste der Notarzt extra angefordert werden. Der Sanitäter der Feuerwehr bereitete uns darauf vor, dass wir das Zimmer verlassen müssten, wenn der Notarzt käme. Nein, muss ich nicht, ich bleibe. Verbales Beharren ich müsse aber gehen, weil der Notarzt Platz brauchen würde. Ich habe nochmals bekräftigt, dass ich bleibe und nichts und niemand das Recht hat mich, wenn einer meiner nahen Angehörigen versorgt wird, aus dem Raum zu schicken, mal abgesehen davon lasse ich mich nicht wegschicken. Meine Mutter, bei vollem Bewusstsein bestand darauf, dass ich bleiben solle. Die Notärztin machte überhaupt keine Anstalten mich irgendwohin zu schicken. Was also sollte diese Ankündigung?

Natürlich kommt niemand damit klar, wenn jemand sehr bestimmt ist und widerspricht. Ich bin nie rausgegangen und werde das auch in Zukunft nicht tun. Nichts ist wichtiger für die Betroffenen die Vertrautheit der Menschen, die sie lieben zu spüren.

Der Infarkt selbst bereitete ihr weiter keine Probleme und noch am gleichen Abend des Geschehens fand ich sie topfit auf der Intensivstation vor. Wir lachten und scherzten, sprachen über das was geschehen war. Samstag war der nächste Tag auch hier sie war wieder topfit, lachte und scherzte, beklagte sich, dass sie am Abend das Spiel der deutschen Nationalmannschaft um Platz 3 nicht sehen könne.

Am Sonntag sie war wieder fit, ich war erst spät am Abend da und verließ sie so kurz nach 20 Uhr, sie war glücklich, dass sie und die beiden anderen Patienten das Endspiel gucken konnten.

Montag wurde sie dann auf die Normalstation verlegt. Als ich am frühen Abend kam, meine Tochter hat mit ihrem Freund den Nachmittagsbesuch übernommen, die Schwester nach dem Zimmer meiner Mutter fragte war das erste was ich hörte, dass meine Mutter ja ganz schön verwirrt sei. Da dachte ich noch prima, vielleicht verwechselt sie uns ja. Nein, das tat sie mitnichten, denn sie nannte mir dann eine Zimmernummer und in der Tat lag dahinter meine Mutter, total verzweifelt, weil sie nicht wusste wo ich war und niemand ihr so geduldig Auskunft gab, dass sie beruhigt war. Sie war vollkommen aufgelöst. Dazu kam, dass sie selbst nicht wusste wo sie war.

Nun stank es in diesem Zimmer fürchterlich. Ich fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt, dass Toiletten an Raststätten so gerochen haben. Grauenvoll. Ich guckte mich nach der Quelle um, die schnell ausgemacht war: der Toilettenstuhl, den meine Mutter, weil sie Ruhe halten sollte, benutzen musste, war na ja halt benutzt. Eine Schwester kam, ich dachte die merkt das und guckt, aber nein mitnichten, sie fragte ob meine Mutter zu ihrem Abendbrot Tee oder lieber Wasser haben wollte. Wer kann bei diesem Gestank Appetit haben? Übrigens war das am Mittag auch schon so und auch hier kam eine Schwester ins Zimmer und guckte großzügig darüber hinweg, dass man das Teil aus mal kontrollieren könnte. Zur Erinnerung, draußen waren es irgendwo zwischen 36° und 38°C und drinnen kaum weniger.

Nun es stimmte auch tatsächlich meine Mutter war extrem aufgewühlt und irgendwie durch den Wind. Aber ich war mir absolut sicher, dass das nur vorübergehender Natur war, so ist sie nun mal. Es hat mich keineswegs nervös oder gar panisch gemacht. So schnell breche ich nicht in Panik aus. Da nun mal meine Mutter nicht so war wie immer wollte ich den Schwestern einfach nur sagen, dass ich nun gehen würde, was wiederum zur Folge hatte, dass noch bevor ich „Piep!“ sagen konnte ich meine Abfuhr hatte. Was habe ich denen gemacht? Noch nix. Meine Mutter meinte, dass die alle so unfreundlich zu ihr waren und sie gar nicht wisse warum.

Ich hasse das. Sehen wir das mal so es geht mir um Menschwürde und darum geht es mir immer. Das was ich da gesehen hatte, war weit davon entfernt menschenwürdig genannt zu werden. Klar schlimmer geht immer. Ich war kaum zu Hause, da habe ich dem Chef der Abteilung meine Erfahrungen des Tages mitgeteilt. Natürlich bekam ich das zu spüren, eine überkandidelte Höflichkeit kann ich durchaus von einer echten Freundlichkeit unterscheiden. Es ging mir nicht darum irgendjemanden in die Pfanne zu hauen, was ich auch nicht gemacht habe, sonst hätte ich Namen genannt. Aber ich habe mir das Recht heraus genommen auf die Zustände hinzuweisen.

Nein, es ist keineswegs sehr viel besser geworden, die Temperaturen sind zum Glück etwas herunter gegangen. Meine Mutter bekam Schmerzen, unsägliche Schmerzen. Rückenschmerzen und ein morphinhaltiges Pflaster aufgeklebt und das obwohl keine Diagnose gestellt worden war. Es dauerte mehr als drei oder vier Tage bis  man sich bequemte mal zu gucken wo die Schmerzen herkamen, die unter Einsatz des Pflasters kaum besser wurden, im Gegenteil ihr wurde nun übel, sie war mehr desorientiert als dass sie wusste welcher Tag gerade und welche Uhrzeit ist.

Irgendwann mal bekam sie trockene und rissige Lippen. Der Freund meiner Tochter, machte die Schwestern darauf aufmerksam und konnte sie mit Recht die Bemerkung nicht verkneifen, dass dies wohl davon käme, wenn Mensch zu wenig trinkt. Weil draußen wie drinnen war es nun wieder so richtig heftig warm. Man könne sie, meine Mutter, die eine erwachsene Frau sei, nicht dazu zwingen etwas zu trinken. Im nächsten Satz jedoch brachte sie aus welchen Gründen auch immer, auch wieder mit Nachdruck zum Ausdruck, dass meine Mutter ja desorientiert sei. Ja was nun? Ist sie eine mündige klar orientierte Frau, die frei entschieden hat nichts zu trinken, oder vergißt sie das einfach, weil sie im Moment etwas desorientiert ist und man muss sie zu ihrem Wohl daran erinnern? Übrigens wurde die Einfuhrkontrolle gefälscht und das was da drauf steht stimmt nie und nimmer. Punkt 1 zu oft die gleiche Handschrift und Punkt 2 eine Frau von 84 Jahren mit einer schwachen Blase und in ihrem Zustand wird freiwillig niemals hintereinander die Menge trinken, die da angegeben ist und ad 3 gab es an diesem einen besagten Tag keinen Saft und seltsamerweise ist da die Einfuhr von 200ml Saft verzeichnet. Ähnlich ist das auch noch an einem anderen Tag. Wir haben es dokumentiert, fotografiert und gesichert.

Die falschen Angaben auf diesem Zettel haben keinen Nutzen, eher schaden sie dem Patienten, führen den Arzt in die falsche Richtung. Das ist schlichtweg katastrophal, das grenzt an … das soll jeder für sich entscheiden. Die Ärztin war genervt von mir, keine Frage, das ist aber ihr Problem, nicht meins, wenn sie das nicht abkann, dann hat sie den falschen Beruf. Meine Fragen konnte sie mehr meist nicht beantworten, Untersuchungsergebnisse blieb sie mir schuldig.

Weshalb man meiner Mutter zum Beispiel das morphinhaltige Pflaster nicht abmachte, da es ihr mehr Nachteile als Vorteile brachte, vor allem linderte es ihre Schmerzen nicht, bleibt mir auch ein Rätsel. Ich verstehe nicht, dass man nicht mal nachgefragt hat welche Medikamente sie sonst nimmt, wenn sie Schmerzen hat. Ich bin der Meinung, dass ihr diese einfache simple Frage viel erspart hätte. So wurde sie voll bis zur Halskrause mit was auch immer gepumpt ohne jeden Nutzen. Weshalb man so viel nicht erkannt, bzw. ignoriert hat, obwohl von uns immer und immer eindeutige Hinweise kamen, wird mir immer ein Rätsel bleiben.

Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich nicht konsequent genug war sie dort heraus zu holen. Es wäre ihr sehr viel erspart geblieben. Es hätte mir sofort zu denken geben müssen, dass der Topf unter dem Klostuhl nie ausgeleert werden würde und wenn ich als Schwester eine Patientin als desorientiert einstufe und obendrein weiß, dass man mit 84 nicht immer ganz blasenfit ist, dann muss man halt öfter gucken gehen. Das ist ihr Job.

Gestern dann wollte meine Mutter sich dann mal ein wenig abwaschen, es war immerhin drückend heiß und da fiel mir auf, dass noch nicht einmal an diesem Ort die Privatsphäre gewahrt ist. Ohne Sichtschutz jedweder Art zum Krankenzimmer hin, saß sie da, allen Blicken ausgeliefert. Zum Glück war da nur mein Blick, ihre Zimmernachbarin schlief zum Glück und Besuch hatte sie gerade auch nicht. Das ist etwas, das schon überhaupt nicht geht, obwohl es ja eine Dusche und eine Toilette gut erreichbar außerhalb des Zimmers gibt.

Ich habe oft in Krankenhäusern gesessen, meine Lieben durch solche Zeiten begleitet, aber so etwas habe ich noch nie erlebt und wenn nun der geneigte Versicherungsvertreter frohlockt und denkt „..wäre sie nur privat versichert, da wäre ihr das nicht passiert…“, der irrt gewaltig. Sie ist das seit ihrer Hochzeit. Aber das ist es nicht, es ist in diesem Fall vollkommen egal wie sie versichert ist, die Frage bleibt weshalb ist es so wie es ist. Frustrierte Schwestern und Pfleger, die ihren Frust an den Patienten auslassen? Zu wenig Personal? Das ganz sicher und wenn ich dann noch höre, dass ein Krankenhaus seine Anzahl an Intensivbetten verdoppeln, aber kein zusätzliches Personal einstellen will, dann kann man sich die Folgen vorstellen. So etwas müsste der Gesetzgeber verbieten können und es müsste zum sofortigen Lizenzentzug führen. Das geht gar nicht.

Menschen sind keine Waren. Menschen fühlen, denken, lachen, weinen, sprechen, können manchmal nicht das sagen was sie fühlen, denken, sind hilflos und um so mehr auf Ärzte, Schwestern und Pfleger angewiesen, die nicht abgenervt, sondern aufmerksam sind, die sensibel gegenüber den Bedürfnissen derer sind, die auf sie angewiesen sind. Natürlich darf auch das Pflegepersonal mal einen schlechten Tag haben, das steht jedem Menschen zu, aber dann müssen auf der Station andere Schwestern und Pfleger sein, die in der Lage sind das aufzufangen.

Für meine Mutter ist die Zeit dort zum Glück vorbei, wäre das Ende des Aufenthaltes nicht in Sicht gewesen, hätten wir meine Mutter in ein anderes Krankenhaus verlegen lassen. Man braucht nicht viel Phantasie um zu sehen, welche Anzeichen sie hatte, worunter sie gelitten hat. Ich kann dieses Krankenhaus reinen Gewissens nicht empfehlen und werde in Zukunft einen riesigen Bogen um Krankenhäuser mit Frauennamen und/oder einem Sankt davor machen.

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8 Kommentare zu „Alles…“

  • barbara2 says:

    meine liebe, das dachte ich, dass du nun einen bericht dazu schreibst, das war ja schon in der nachricht perfekt formuliert.
    wieso habt ihr sie mitnehmen können?

  • Gitta says:

    Liebe Barbara,
    ich habe mich über mich selbst geärgert, dass ich sie nicht schon im Laufe der Woche dort raus geholt habe. Sie ist
    nun in der Reha, die nun zuerst damit beschäftigt sind, den Mist wieder gerde zu biegen und ich habe das
    Gefühl, dass das recht gut aussieht.

  • Irene says:

    Liebe Gitta,

    wir haben das fast eins zu eins im Frühjahr dieses Jahr mit meiner Mutter erlebt – es ist unglaublich, wie ähnlich die Situationen sind.

    Meine Mutter war nach einem Sturz und gebrochener Schulter zunächst im Krankenhaus und wurde von dort nach Hause entlassen. Der Pflegedienst merkte schnell, dass sie so unmöglich dort bleiben konnte – sie konnte sich ja weder irgendwo festhalten noch sich an- oder ausziehen. Also wurde eine Reha veranlasst, und dort erlebten wir dann ähnliches wie Ihr.

    Meine Mutter war ja „nur“ wegen der Schulter dort – sie sollte wieder lernen, den Arm zu bewegen und zu nutzen, aber statt dessen wurde sie verwirrt, hing tagelang am Tropf, machte plötzlich ins Bett und bekam zu allem Überfluss noch eine Lungenentzündung. Wir waren echt fassungslos – sie war so weit, dass sie sterben wollte!!!

    Erst nach ernsten Gesprächen mit der Ärztin besserte sich ihr Zustand plötzlich sehr schnell und sie ist heute zum Glück wieder so wie vor dem Unfall. Klar – sie ist knapp 80 Jahre alt und der Pflegedienst kommt täglich zum Waschen und um die Stützstrümpfe anzuziehen – aber das war vorher auch schon so.

    Keine Ahnung, was die in der Reha mit ihr gemacht haben – nochmal lassen wir die Dinge jedenfalls nicht so lange laufen. Danke für deinen Bericht – wie du siehst wiederholt sich so etwas leider überall und immer wieder….

  • Gitta says:

    Liebe Irene, ich hatte schon gehofft, dass wir Einzelfall sind, aber im Grunde weiß ich, dass das nicht so nicht, leider. Das sind Menschen, die da auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Natürlich weiß ich, dass das auch Menschen sind, die da arbeiten, aber auf das Minimale sollte sie schon achten.

  • barbara2 says:

    also aus euer beidem schliesse ich jetzt, dass sich vermutlich zu wenig flüssigkeit vor allem bei der hitze so negativ auswirkt und evtl. fehlende ansprache.
    das problem, das hauptsächlich alte aber auch andere von jetzt auf gleich aus dem krankenhaus entlassen werden in situationen, in denen sie noch gar nicht alleine klar kommen können z.t. auch ohne schon ganz in ordnung zu sein, hatte meine vermieterin hier auch und scheint doch nahezu allgemeingültig zu sein. wenn dann niemand hilfreich in der nähe ist,ist das übel. die krankenhäuser hier bekommen erst allmählich einen blick dafür, dass das so nicht geht. hat auch massive proteste gegeben und da alle um patienten kämpfen (stichwort patientenbindung, die, die man mal hatte, will man behalten, wenn sie wieder krank sind), wird sich hier wohl etwas tun.

  • Gitta says:

    Liebe Barbara, so ganz kann ich Dir da nicht zustimmen. Wenn ich als Krankenschwester in ein Zimmer komme, das wie eine Latrine bzw. ein Pissoir stinkt, dann muss ich auch mal nachgucken warum das so ist und kann nicht den Urin bei der Hitze stundenlang im Toilettenstuhl belassen. Klar hat meine Mutter zu wenig getrunken, aber wenn das Personal weiß, zumindest wurden sie nicht müde uns das permanent zu erklären, dass meine Ma u.a. bedingt durch eine irre Schmerzmedikation, etwas desorientiert ist, dann muss ich entweder Flüssigkeit per Infusion geben oder aber gucken, dass sie trinkt, aber nix tun, das geht nun gar nicht. Handeln wäre in jedem Fall angebracht gewesen, den pflegerischen Aufgaben einfach nur nachkommen, dann hätte das schon gepasst.
    Der Hintergedanke war der, dass wir sie im KH versorgen, was aus bekannten Gründen einfach nicht möglich war.
    Die Fallpauschale ist abartig und birgt großes Risiko, dass die Patienten hinten runter fallen. Aber Du kannst da unendlich viel mehr noch aufzählen. Mein Lieblingsthema ist/war da bislang immer auch die elektronische Gesundheitskarte.

  • barbara2 says:

    mit den krankenschwestern hast du recht. ich hätte die vermutlich zusammengeschissen, aber ob das was genutzt hätte?

  • Gitta says:

    Das weiß ich nicht, ob das etwas genutzt hätte. Sicher wärst Du in jedem Moment sachlich geblieben und nicht persönlich geworden. Das Problem ist, dass Du Dich (noch) recht ordentlich Deiner Haut wehren kannst. Was aber wenn Du über 80 Jahre alt bist, verunsichert was da nun passiert und geschockt, dass Du einen Herzinfarkt hattest, an einem „Durchgangssyndrom“ nagst und im Grunde wehrlos ausgeliefert bist? Da wirst Du eher nichts sagen und auch als Angehörige wirst Du eher vorsichtig bestimmt agieren. Ich habe das wohl gemacht mit dem Ergebnis, dass das Personal wohl stinkfreundlich war, aber dennoch für den Klostuhl weiterhin blind und ohne jedes Geruchsempfinden blieb. Ich hätte noch anders gekonnt, aber es ging nun mal nicht um mich und hätte das meiner Mutter genutzt? Ich meine eher nicht.

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