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Der Friesenheimer Helmut Kohl ist gegangen

Ein großer Staatsmann ist gegangen. Helmut Kohl ist diese Woche gestorben. Einen Nachruf, nein, den werde ich nicht schreiben. Seine Lebensleistung lässt sich in jeder Tageszeitung und jeder Illustrierten nachlesen, aus jeder Mediathek abrufen. Sein Familienzwist interessiert mich absolut nicht, das müssen diese Menschen mit sich und untereinander ausmachen.

Aber Helmut Kohl war Ludwigshafener, wie ich es bin, wie mein Vater es war und meine Mutter ist. Ludwigshafen ist ein Nest, das Ludwigshafen in de r Zeit, in der Helmut Kohl geboren worden war noch mehr, da war das ein großes Dorf und jeder kannte jeden. So kannte meine Mutter die Kohls, so wie man eben als junger Menschen einen entfernter wohnenden Nachbarn kennt. Er ist wie sie in Ludwigshafen-Friesenheim aufgewachsen und auch wenn sie altersmäßig eher zu seinem Bruder gepasst hat, hatte sie auch den jungen Kohl gekannt. So wie man immer die jüngeren Geschwister derer kennt, mit denen man in einer Altersgruppe ist.

 

Mein Vater wiederum kannte Helmut Kohl logischerweise auch, war er doch mit dessen Bruder in einer Jahrgangsstufe auf dem Gymnasium. Man kannte sich eben, so war das, so ist das und so wird das immer sein. Die jungen Leute damals hatten auch ihre Treffpunkte, wo sie abhingen und chillten. Vielleicht nicht so ausgiebig, aber sicher genau so intensiv. Hier muss auch Monsingore Erich Ramstetter zu nennen sein, der ebenfalls in der Altersgruppe von meinem Vater und Helmut Kohls Bruder zu finden ist. Alle Jahrgang 1925/1926. Klar, dass Helmut Kohl, Jahrgang 1930 viel zu „jung“ für diese Clique war und sich in seiner Altersgruppe orientieren muss. Ich bin gespannt, ob der Monsignore die Trauerfeier halten wird. Ein bemerkenswerter, faszinierender Mann, ich durfte ihn bei der Trauerfeier meines Vaters kennen lernen.

 

Nach dem Krieg, aus dem Helmut Kohls Bruder nicht mehr zurückkehrte, mussten die jungen Menschen sich irgendwo wieder finden. Jene, die aus dem Krieg kamen, wie mein Schwiegervater mussten das, was sie erlebt haben kompensieren, verarbeiten, jene, die noch ewig in Gefangenenlagern bleiben mussten, kamen nicht immer im realen Leben wieder an. Mein Großvater hatte eine Tankstelle in Ludwigshafen, mit allem möglichen Extras, aufgebaut. An dieser Tankstelle dann, als die Zeiten begannen besser zu werden, als das Wirtschaftswunder stattfand, betankte Helmut Kohl seinen Roller, wenn er mit Hannelore Renner, seiner späteren Frau, daran vorbei kam und entsprechenden Bedarf hat. Mein Vater ließ sich nie darüber aus, ob sie Gespräche geführt haben oder nicht, oder ob es beim höflichen Gruß geblieben war. Aber er hatte es nie vergessen.

 

Nicht, dass es einen aktiven Kontakt gegeben hatte, aber irgendwie ist eine Erinnerung mehr, die mein Vater und meine Mutter getragen hat, mit ihm gegangen. Wir haben uns gestern über diese Zeit unterhalten, über ihre Zeit als Kohls Bruder noch gelebt hat, über die Zeit vor und nach dem Krieg, die hart war, aber die sie zu leben verstanden haben, auch wenn jene, die im Krieg geblieben waren, schmerzlich vermisst wurden, auch Kohls Bruder Walter. Ah, da kamen wieder einige nette Geschichten zu Tage, die ich noch nicht kannte und über dich ich sicher nie im Detail schreiben werde, weil es sich einfach nicht gehört.

 

Gestern habe ich in einem Interview gehört, er sei ein echter Oggersheimer gewesen. Okay, das war ein Oggersheimer, der da interviewt worden war. Er hat dort gelebt, aber aufgewachsen war er in Friesenheim, aber um diese ewige Oggersheimer – Friesenheimer-Debatte abzuschließen: Er war Ludwigshafener und wenn ich irgendwo gefragt werde, wegen der Reste meines Dialektes, wo ich denn herkomme und sage Ludwigshafen, so reichte es bislang immer die zusätzliche Information „dort wo Helmut Kohl herkommt“ zu geben, und jeder wusste in etwa, wo die Stadt auf der Landkarte zu finden ist. Jetzt haut das umso mehr hin, da die Stadt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist.

 

Er hat Saumagen aus der Region überregional bekannt gemacht, auch wenn ich seine Vorliebe für seinen Lieblingsproduzenten nicht teilen kann, so ist auch Saumagen heute ein Begriff, den fast jeder kennt. Lustig, den Ausdruck in den Gesichtern zu beobachten, wie sich manche die Zutaten zu Saumagen vorstellen. Ich erinnere mich noch daran, dass wir, im zweiten oder dritten Jahr als wir in Berlin gelebt haben, einen Pfälzer Abend gemacht haben: Mein Papa kaufte in Ludwigshafen ein, was ich dafür haben wollte, das Bahnpersonal nahm die wertvolle Lieferung direkt am Zug entgegen und am gleichen Nachmittag holten wir es am Zug auch direkt ab, um es am Abend unseren Gästen anzubieten. Das war ein Mordsspaß, eine Mordsgaudi und klappte hervorragend. Ich bin mir nicht sicher, ob das so problemlos heute noch möglich ist.

 

Helmut Kohl hat dafür gesorgt, dass Begriffe wie Oggersheim, Ludwigshafen, Deidesheimer Hof, Saumagen in der Welt da draußen eine Bedeutung bekommen haben. Ob das für lange Zeit sein wird, oder sich bald wieder verflüchtigen wird, wer weiß das schon? Sein politisches Werk hat Nachklang, hat Bestand bis in alle Ewigkeit, auch wenn er nicht verstanden hat, dass nicht die Kinder sich seinem politischen Amt unterzuordnen hatten, sondern er es versäumt hatte, sie als das wahrzunehmen, was sie waren: seine Kinder, die hätten Kinder sein dürfen. Darüber aber kann weder ich, noch irgendwer sonst, außer seinen Söhnen urteilen. Was immer seine zweite Frau irgendwann mal darüber erzählen wird, so ist und bleibt das nur zweite Hand.

 

Nun ist die Ära Kohl endgültig zu Ende und sein Name, seine Person wird nur noch eine Erinnerung sein, an der man in der Geschichte unseres Landes und auch der Europas nicht vorbei kommen wird. Möge er Ruhe finden.
Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag, erholt Euch gut und: Laßt es Euch gut gehen!

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