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Einfach: Stopp!

Meine Mama hat sich nach dramatischen Ereignissen, ärztlichen Kunstfehlern und reiflicher Überlegung entschieden in eine Seniorenresidenz zu ziehen. Das bedeutet, dass ihre Wohnung ausgeräumt werden muss. Da sie vor einiger Zeit aus unser beider Heimatstadt nach Berlin gezogen war, hatte sich damals schon ihr Hausstand deutlich reduziert, auch wenn sie darauf bestanden hatte in eine Dreizimmerwohnung zu ziehen. Das war keine schlechte Entscheidung, da der Schnitt nicht zu groß war. Nun räumen wir also aus und jeder weiß was dann passiert:

Es beginnt eine Reise in die eigene Vergangenheit. Ich weiß ja ungefähr was sie in ihrer Wohnung hat, habe ich ihren Umzug nach Berlin erst vor gut drei Jahren, mit Hilfe von Familie und Freunden gestaltet. Dennoch ich begegne erneut Kindheitserinnerungen, die jeder irgendwo in seinem Gedächtnis mit sich herum trägt. Da sind Bilder, Postkarten, Briefe aufgetaucht, die ich damals nicht gesehen habe, oder deren Existenz ich in den vergangenen Jahren vergessen habe. Letzteres glaube ich nicht, die Erklärung wird eher die sein, dass mein Neffe, der auch einige Kartons mit meiner Mutter gepackt hat, dieses in den Händen hatte, oder es wurde schlicht en bloc gepackt.

Ich habe einen Brief von meinem Bruder gefunden, der sowohl an meine Eltern als auch an mich gerichtet war, die er während seiner Grundausbildung bei der Bundeswehr, an uns geschrieben hat. Mein Bruder starb vor mehr als 30 Jahren als junger Familienvater. Dieser Brief ist ein Kleinod. Ich habe auch eine Buchbeschreibung gefunden, die er über Kapitän Hornblower geschrieben hatte bei einem Lehrer, der ihn nicht leiden konnte. Ich habe genau diese Buchbeschreibung, mitsamt den Fehlern, einige Jahre später beim genau dem Lehrer abgegeben und bekam eine Bewertung, die um drei Noten besser gewesen war.

Ich habe Bilder von Mitgliedern meiner Familie gefunden, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Behaupte ich einfach mal. Da sind Schriftstücke, die ich nun abermals in den Händen halte, die ein Stück Familiengeschichte sind und um die Jahrhundertwende spielen. Nicht um die Jahrhundertwende 2000, sondern um 1900. Mein Großvater hat nach dem Krieg in meiner Heimatstadt das erste freitragende Runddach bauen lassen und dies genau dokumentiert und zwar in Bildern. Jeden Bauschritt hat er fotografiert. Das war durchaus eine Sensation und zur Einweihung kamen sämtliche Honoratioren der Stadt, auch alle im Bild festgehalten.  

Das gesamte Material zeigt wie schnellebig (nein, niemals werde ich drei gleiche Buchstaben in einem Wort schreiben, es sei denn man hat sie bereits vor der Rechtschreibreform so geschrieben!) unsere Zeit geworden ist. Es gibt keine langfristigen Planungen mehr, noch nicht mal mehr mittelfristige, alles ist nur noch schnell, gleich, am besten gestern. Ausflüge in die Vergangen sind gut, egal wie die Vergangenheit auch gewesen war. In dem was unsere Eltern angesammelt haben, liegt unsere Kindheit und manchmal auch  noch ein Stück ihrer Kindheit. Bewahren wir uns einen Teil davon und geben es weiter an unsere Nachfahren. Ausräumen, ausmisten, wegwerfen, mit modernen Mitteln speichern, das ist auch ein stückk innehalten, ein wenig Pause von der manchmal bekloppten Welt da draußen, deren Bewohner nach Dingen jagen, die sie so oder so auf dem letzten Weg nicht mitnehmen können. Meine Schwiegermutter sagte immer: das letzte Hemd hat keine Taschen.

In diesem Sinn wie wäre es mal damit alte Bilder anzuschauen, alte eigene Schulzeugnisse anzugucken, sich daran zu erinnern welche Utznamen den Lehrern gegeben wurden. Vielleicht im kommenden Winter? Gemeinsam mit dem Partner, den Kindern und falls noch vorhanden den Eltern. Das können im Winter sehr unterhaltsame und vergnügliche Abende werden.

In diesem Sinn lasst es heute gut gehen.

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