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Erste Hilfe und Tatort

Gestern Abend lief in der ARD wie so oft am Sonntag ein Tatort. Nach vielen schlechten Tatort-Ausstrahlungen war das einer, den ich richtig gut gefunden habe. Das Thema, leider Alltag in Berlin, U-Bahn-Pöbeleien mit tödlichem Ausgang an einem U-Bahnhof. Die Handlung war schlüssig, war sehr gut aufgebaut, da war nix drin wo man gedacht hat „Hallo? Geht’s noch?“, nein das war von Anfang bis Ende durchgängig gut. Ich glaube auch, dass der Inhalt mehr als realistisch gewesen war. Viele gucken weg, hoffen, dass der andere Hilfe holen wird und unternehmen so nix.

Was war Inhalt? Junge Männer haben in der Bahn einen alten Mann nicht nur angepöbelt, sondern ihm seinen Gehilfe abgenommen, einige in der Bahn haben weggeschaut, andere haben hingeschaut und nichts unternommen, einer hat eingegriffen. Er wurde dann an dem Aussteigebahnhof von den jungen Schlägern niedergeschlagen und mit Tritten verletzt, gestorben ist er aber an einem Herzinfarkt. Selbst auf dem Bahnsteig waren alle in respektvollem Abstand geblieben, eine Frau hat die Polizei angerufen, anonym, weil niemand mit der Polizei etwas zu tun haben will, muss man auch mal darüber nachdenken weshalb das so ist.  Ich habe am Anfang meines Medizinstudiums einen Erste-Hilfe-Kurs an der Uni belegt, der über ein ganzes Wochenende ging und der richtig realistisch war, mit „echt geschminkten“ Unfallopfer, gespielten epileptischen Anfällen, mit Situationen, bei denen man um die Ecke kam und nicht wusste was man vorfinden würde. Mit Theorie, mit Praxis an Puppen, wo man sieht ob die Beatmung passt, wo man gelernt hat, faktisch einen Tubus zu legen, was natürlich nicht der Alltag eines Ersthelfers ist, dass man bei Verbrennungen kein eiskaltes Wasser nimmt und vieles mehr. Was hat das mit dem Tatort gestern zu tun? Wir haben natürlich auch gelernt, dass sich niemand selbst gefährden muss, ein Helfer muss sich selbst nicht in Gefahr begeben, aber ich meine, dass es so viele Situationen gibt in der man sein Handy einsetzen kann, Hilfe holen kann und das hätte man schon in der U-Bahn machen können. Der Mann, der eingegriffen hatte, hat die jungen Männer fotografiert, was ihm zum Verhängnis wurde, das war in dem Film der Grund, dass sie dem Helfer gefolgt waren.

Ich will jetzt nicht darüber schreiben, dass Verfahren gegen jugendliche Straftäter meist erst nach einem Jahr stattfinden, dass sie in der Zeit weiter ihr Unwesen treiben können. Dass Strafen, die verhängt werden zu milde sind, weil sie nichts daraus lernen, wenn sie Bewährung bekommen, selbst dann, wenn das eine Wiederholung dessen war, was sie schon mal angestellt haben. Das ist nicht der Punkt, der Punkt ist der, dass viele, zu viele weggucken. Ich bin mir natürlich darüber bewusst, dass mich halbe Portion vielleicht ein Schlag wegpusten kann, deswegen muss ich aber nicht tatenlos sein, ich kann mit meinem Handy Aufnahmen machen, kann die Polizei frühzeitig rufen und ich habe kein Problem damit, dazu zu stehen, auch wenn die Verursacher inzwischen die Bahn verlassen haben. Das ist alles kein Problem, überhaupt nicht. Warum machen das so viele nicht? Mal einer oder zwei und dann, wenn die Schläger weg sind, sich kümmern, um den Verletzten kümmern. Ich habe in jeder Handtasche Einmalhandschuhe. Die müssen nicht steril sein, wenn Hilfe leisten muss, aber ich habe sie deswegen in der Tasche, weil ich mich genau in dem Fall selbst schützen will. Man weiß nie, was man machen soll. Och, Leute, das ist die blödeste aller Ausreden. Denn, wenn das der Fall ist, dann sollte man einen Auffrischungskurs machen. Das alles kann man machen und das Gesetz verzeiht Laien-Ersthelfern in der Regel Fehler, aber es verzeiht zu Recht nicht, wenn gar nichts getan wird und das muss meiner Meinung nach hart bestraft werden, das kommt für mich ganz nah an eine „Mittäterschaft aus der zweiten Reihe“ dran. Ich habe absolut kein Verständnis dafür, wenn jemand nicht hilft, er muss nicht in eine Schlägerei hinein gehen, da kann er die Polizei anrufen, vor allem dann, wenn man so eine halbe Portion Frau ist wie ich. Irgendetwas tun kann man immer. Nein, wir sind alle nicht ausführende Organe, aber wir alle haben ein Herz und wir alle könnten irgendwann selbst auf Hilfe angewiesen sein. Was, wenn dann auch jeder, der da in der Gegend herumsteht, gerade in eine andere Richtung schaut? Schon mal daran gedacht?   

Der Tatort gestern hat so unglaublich gut das Verhalten von Menschen gezeigt, die wegschauen, aber auch das von jenen, die eingreifen, die helfen. Er hat wiedergespiegelt wie mit Tätern umgegangen wird, wie sie wieder auf freien Fuß kommen, aber trotzdem wie sie als Haupttäter überführt werden können, auch wenn das eher Kommissar Zufall gewesen war, erzählerische Freiheit. Ich wünsche jedem von Euch, dass ihr niemals in eine Situation kommt, in der ihr Hilfe braucht, in der ihr auf eben diese Ersthelfer vor Ort angewiesen seid. Habt eine tolle Woche, einen guten Start hinein, bleibt vor allem gesund und unversehrt und: Laßt es euch gut gehen!

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