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Glück und Pech

Wir alle kennen die Glücksuntersuchungen des Komödianten Hirschhausen, der nicht nur ein solcher ist, sondern auch noch ein Mediziner. Immer wenn er in irgendeiner Talkshow auftritt und dann über Glücksbringer, Glückstage, Pechsträhnen und eigenes Dazutun erzählt frage ich mich woher der Mann das alles weiß. Denn wenn mir mit Glücksbringer Gutes geschieht, dann kann nie bewiesen werden wie es gewesen wäre ohne. Die Wahrscheinlichkeit spricht natürlich dafür, dass es trotzdem so gewesen wäre, aber ich habe da meine Zweifel.

Es gibt, das will ich neidlos anerkennen, Menschen, die auf einer Welle des Glücks durchs Leben schwimmen, das ist unglaublich. Es gibt aber auch die anderen, die immer nach Murphys Gesetzen leben müssen: ein Unglück kommt selten allein. Die einen gewöhnen sich an das Dauerglück, genauso wie die anderen an den Dauer-Murphy. Ihr fragt Euch jetzt bestimmt, ob da bei mir irgendwas gelaufen ist. Nein, ist es nicht, weder in die eine Richtung, noch in die andere ich habe nur heute Morgen wieder mal so eine blöde Gewinner-Mail von irgendeiner Bank in keine Ahnung wo bekommen, ich hätte über 800 Tausend Dollar gewonnen. Apropos gelaufen, mal ehrlich, wenn man bei glattem Boden rausgeht und der andere, der dich forsch überholt, sich auf den Hosenboden setzt, dann ist man schon froh, oder? Ich würde sagen: Glück gehabt. Das war mal vor ein paar Jahren, das waren draußen arschglatt, richtig glatt und die Straßenfläche deutlich glatter als der Bürgersteig. Ich erinnere mich sehr gut: Ich schlich förmlich auf die Straße, weil ich das nicht nur geahnt hatte, sondern weil ich Nachbars Hund breitbeinig rutschen sah. Eine Frau, deutlich jünger als ich, rauschte an mir vorbei, schien sich so ihre Gedanken über mein akrobatisch-vorsichtiges Vorantasten zu machen, und schwupps waren ihre Füße in ungefähr der Höhe, wo sie nix verloren haben, wenn man nicht gerade einen Salto schlagen will. Sie schlug richtig heftig auf, knallte mit dem Kopf auf den Boden. Zum Glück trug sie eine Mütze über der sie noch ihre Kapuze gezogen hatte. Sie stand auf, schüttelte sich und ging eilig davon. So. Was hat das mit Glück oder Pech zu tun? Glück war, dass sie zwei Mützen getragen hat. Pech war, dass sie nicht genau geschaut hat. Mein Glück war, dass ich den Hund gesehen hatte, der regelrecht gerutscht war. Pech hatte ich gerade nicht. Der Hund hatte Pech, weil er gerade raus musste, als es ordentlich glatt war, Glück hatten seine Pfoten, weil an der Stelle noch nicht gestreut gewesen war.  

Ich mache es jetzt noch etwas komplizierter: wer weiß vielleicht hatte die gute Frau ihren Glücksbringer zu Hause vergessen, aber selbst wenn, wird man nie erfahren, ob sie mit ihm auch gestürzt wäre. Wer weiß, vielleicht hätte sie dann auch den Hund gesehen und sich nicht durch mein vorsichtiges Gehen ablenken lassen. Ich weiß nicht mehr, ob ich irgendetwas in der Tasche hatte, das einem Glückbringer gleich ist. Ich habe in dem Moment jedenfalls nicht daran gedacht, danach zu schauen. Ich würde mich aber hüten wollen, einen aus der Tasche zu nehmen, wenn ich ihn darin entdecke. Warum sollte ich? Ich mache mich ja nicht davon abhängig, finde es aber ein angenehmes Gefühl zu wissen, wenn einer da ist.

Früher, ja so was gibt es auch, da hatte ich vor geschäftlichen Terminen immer ein Ritual. Das ist wie bei Babys und kleinen Kindern das Einschlafritual, es ginge vielleicht ohne, aber es gibt ein angenehmes Gefühl mit. Ich bin mit dem Auto zu dem Termin gefahren und habe dann, nachdem ich geparkt hatte, meine Lippen nachgezogen, langsam und sehr sorgfältig. Ich meine nicht das komplette Schminken im Auto, das jede Frau beherrscht, sondern ganz gezielt die Lippen. Apropos im Auto schminken, ich habe auf meinen Fahrwegen auch genug Männer gesehen, die sich im Auto noch rasch rasiert haben. Rasch muss man das, zumindest in Berlin, nicht mehr machen. Irgendwie muss man die Zeit an den Ampeln doch verbringen und da die Zeiten immer länger werden, hat man für ein korrektes Make up reichlich Zeit. Wenn das so weiter geht, kann man sogar ganze Pullover stricken, denn kaum ist die Ampel an der man steht grün, springt die Ampel in Sichtweite um auf Rot. Was liegt da näher als das zu tun. Man muss für die paar Meter noch nicht mal das Strickzeug aus der Hand legen. Also alles ganz easy, regt Euch nicht auf an roten Ampeln, denkt einfach darüber nach, wie ihr diese Zeit überbrücken könnt. Einzig telefonieren geht nicht.

Zurück zu meinen Glückskindern. Ich kenne nicht wirklich so ein richtiges Glückskind, das rosarot oder in hellbleu durchs Leben geht, gegangen ist. Irgendwie gibt es auch bei ihnen Zeiten der Wut, des Zorns und der Trauer. Oder irre ich? Sie kommen vielleicht einfach nur schneller wieder auf die Spur zurück. Nehmen wir mal eine Preisverleihung, sagen wir den Oscar. Nun stellt Euch vor da sind drei Nominierte, egal für was. Ihr seid einer davon. Wer seid ihr? Der oder die, die gleich nach oben gehen wird, oder eine/einer derjenigen, die doof guckend unten bleiben müssen mit guter Miene zum abartigen Spiel? Na los, kommt schon, sagt mir wer ihr seid? Gewinner oder Verlierer, denn auch der zweite Platz ist ein Verliererplatz. Ich meine auch die Nominierung bringt Geld, aber eben das gewisse Etwas, der Fingerschnipp ist es, der über Glückskind oder Pechvogel entscheidet. Guckt Euch den abgewählten Alt-Bundeskanzler Schröder an, der war gleich nach seiner Abwahl bei Gazprom unter, guckt dagegen was Wulff macht, der ist nicht bei Gazprom untergekommen, noch nicht. Oder ihr buhlt um einen Werbeetat und habt den Glücksbringer in der Tasche und dann passiert es: Das Telefon läutet und dann? Sieger oder Verlierer?

Nein, ich male das nicht aus, wer mein Roman „Rosenspiel“ gelesen hat, der weiß, dass ich es liebe das Ende offen zu lassen, keine Endgültigkeit der Phantasie anbiete, keine fertigen Lösungen verkaufe, das finde ich langweilig, hemmt die eigene Vorstellungskraft. Malt das in Eurer Phantasie selbst aus, wie ihr auf der Bühne nach oben geht, oder unten bleibt, jubelt oder enttäuscht seid, wie ihr das Telefongespräch annehmt und erfahrt ob ihr den Auftrag habt oder nicht, nehmt Eure Glückbringer in Betrieb oder laßt sie ruhen, tut das so wie ihr Euch dabei wohl fühlt. Das allein ist es, was zählt: fühlt ihr Euch als Glückskind, dann ist es so, glaubt ihr ein Pechvogel zu sein, dann tröstet Euch, es kann nur besser werden, geht ihr nur mit Glücksbringer aus dem Haus, dann tut das, dann ist das eben so, wenn ihr diese Sicherheit braucht. Egal wie auch immer: Laßt es Euch gut gehen.

 

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