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München

München im Juli 2016. Ein junger Mann macht sich auf den Weg, junge Menschen, die er wohl zu einem MacDonald gelockt hatte, zu töten. Er beginnt wahllos zu schießen, wird dabei gefilmt, löst einen noch nie zuvor da gewesenen Polizeieinsatz aus, der vom Beginn bis zu seinem Ende öffentlich war. Scherzkeksen, die dieses Öffentlich sein für dumme Streiche missbraucht haben, werden sie sich nach Abschluss wichtigerer Arbeiten widmen. Journalisten, die dumme Fragen gestellt haben, bleiben unbehelligt. Den Einsatz, den die Polizei in München abgeliefert hat, empfand und empfinde ich immer noch als absolut gut. Da gibt es nix, was ich auszusetzen hätte und ich frage mich, ob die Polizei hier in Berlin das im Ernstfall genauso stemmen kann und wage es, kaum habe ich mir diese Frage gestellt, stark zu bezweifeln. Dennoch, ich hoffe es, wünsche mir aber gleichzeitig, dass es niemals passieren wird.


Der Mörder. Keine Ahnung was den Mann, er war 18 Jahre alt und somit volljährig, getrieben hat, welche Ideen ihn nicht mehr losgelassen haben. Erklärungsversuche wie Mobbing, oder Depressionen, ich weiß nicht, das sind für mich laue Erklärungsversuche. Das, was er getan hat, war geplant und nicht spontan. Ich meine, dass eine Figur wie Breivik aus Norwegen, dort wurde der fünfte Jahrestag dieser irren Tat begangen, ihn in seiner Vorstellung getrieben hat, das genauso zu machen und kampfbetonte Videospiele haben seine Hemmschwelle zu töten, möglicherweise herabgesetzt. Wir hatten hier die Diskussion, ob seine Eltern das hätten merken müssen. Nein, er war volljährig und ich glaube keine Mutter, kein Vater wühlt in den persönlichen Sachen des Kindes herum, wenn sie keinen offensichtlichen Verdacht haben. Welche Eltern denken schon daran, dass ihr Kind eine solche Tat plant? Wo hatte er die Waffe her? Ich glaube, dass es heute einfach ist, eine Waffe zu bekommen. Nein, ich finde das nicht in Ordnung, diese Tat ist durch nichts zu rechtfertigen. Ich möchte es so ausdrücken: Er muss einen in der Waffel gehabt haben, gewaltig in Schräglage geraten sein.
Die Reaktionen in den sozialen Netzen im Anschluss an die Tat, nur wenige Stunden später empfand ich als entsetzlich. Dort war sofort klar, dass das nur ein Flüchtling gewesen sein konnte und Merkel solle abdanken, sie sei an allem Schuld. Gut, man kann heute im Rückblick sagen, es war vielleicht nicht ganz so geschickt öffentlich zu sagen, dass wir Flüchtlinge fast ohne Limit aufnehmen würden, dass eine Million Menschen, die ungeordnet in unser Land kamen und es enorme Registrierungslücken gab, doch zu viel waren. Ob die Aussage der Bundeskanzlerin einen größeren Strom in Gang gesetzt hat oder nicht, ich weiß es nicht, das weiß sicher niemand, weil niemand behaupten kann, dass alles ganz anders gekommen wäre, wenn Frau Merkel nicht gesagt hätte, dass wir das schaffen werden. Jedem, der sich noch irgendwie mit dem Gedanken getragen hatte, nach Deutschland zu kommen, muss klar sein, dass irgendwann die Grenzen dicht sein werden. Seit Jahrzehnten gibt es Flüchtlingsströme im Nahen Osten, in Afrika und ich meine irgendwann war es abzusehen, dass es Nepper, Schlepper und Bauernfänger geben wird, die Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa bringen, um daran zu verdienen. Seit Jahren sehen wir das, aus sicherer Entfernung am Beispiel von Italien, das Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kamen, aufnehmen musste. Die Regierung bat unendliche Male um Hilfe und Unterstützung, aber die anderen EU-Staaten ignorierten deren Sorgen und Nöte, ließen Italien mit diesem Problem allein und überforderten den Partner. Hand aufs Herz, wer dachte da nicht: weit entfernt, tangiert uns nur peripher. Selbst die Türkei hatte seit Jahren schon unendlich viele Flüchtlinge an seinen Grenzen sitzen. Diese Tat, wild in der Menge herum ballern, kann nur ein Flüchtling ausgeübt haben, sagte man in den Netzwerken. Die eigentlich Schuldige, Frau Merkel, war somit schnell gefunden. Als das dann nicht mehr gezogen hatte, weil klar war, dass der Täter kein frischer Flüchtling gewesen ist, dass er hier in Deutschland geboren worden war, wurde damit begonnen sich darüber zu beklagen, dass die Bundeskanzlerin sich nicht sofort und unmittelbar der Presse zu einem ersten Statement gezeigt hatte. Dass sie eins abgegeben hatte, nahm niemand wirklich zur Kenntnis. Es ist vollkommen egal was sie tut, es wird immer falsch sein. Es macht Sinn abzuwarten und nicht immer gleich loszuhetzen, weil genau das es ist, was eine ohnehin negative Stimmung zusätzlich anheizt. Sie gab am Abend des Amoklaufs eine Erklärung ab und trat am Samstag vor die Kamera. So sehr gehetzt wird, so wenig wird geschrieben, dass man sich dann doch mal geirrt hat und leistet dann auch Abbitte. Ich glaube, dass es den Angehörigen in ihrem Schmerz und in ihrer Trauer in dem Moment vollkommen egal gewesen war, ob und wer sich da an einem Mikrofon oder per social Media ausgelassen hatte. Sie hatten stundenlanges Bangen und Ausharren hinter sich, um dann, als sie Bestätigung erhalten hatten in ein tiefes, Schwarzes Loch der Trauer zu fallen. Manchmal kann weniger mehr sein. In den Worten „Abwarten und Tee trinken“ liegt unglaublich viel Wahres.
Merkel ist schuld an der weltweiten Welle der Gewalt. Nein, ist sie nicht. Wie auch? Und Donald Trump wird als Präsident, auch tönt, er würde die ISIS vernichten, ohne zu sagen wie, daran leider nichts ändern können. Solche Gewaltaktionen gab es immer schon, immer mal wieder und wird es – leider – auch immer wieder geben. Ich erinnere an die Bombe, die am Eingang des Oktoberfestes explodiert war und die 13 Menschen in den Tod gerissen hatte, an die Attentate der RAF, an all die anderen Attentate überall, die es über die letzten Jahrzehnte verteilt immer und immer wieder gegeben hat. Nein, ich heiße das nicht gut, aber ich mag es nicht, wenn pauschaliert und undifferenziert einer einzigen Person die Schuld in die Schuhe geschoben wird, dabei spielt es keine Rolle welcher Partei diese Person auch immer angehört. Wenn ich gerade dabei bin, AfD und/oder Pegida sind keine Alternative. Diejenigen, die ihr die AfD gewählt habt, oder mit dem Gedanken spielt das zu tun, wendet euren Blick der Türkei zu. Das ist klassisch, was Erdogan macht. Er installiert den letzten Kick zur vollkommenen Diktatur und die Menschen jubeln ihm zu und jene, die nicht seiner Meinung sind, haben Angst sich zu äußern. Wer aber hierzulande ihm zujubelt, wer von den Geschehnissen dort so total begeistert ist, der möchte sich doch bitte überlegen, ob er nicht lieber in der Türkei leben möchte. Es ist einfach aus der Ferne einem System zuzujubeln, das säubert, das unterdrückt, das keine andere Meinung zulässt, das die Pressefreiheit aufhebt, das, sofern die Todesstrafe wieder eingeführt wird, töten wird, das denunziert, das verrät, das sein Volk in den Abgrund stößt. Wer in meinem Land lebt und hier alle Vorzüge der Meinungsfreiheit, eines freien Lebens genießt, der möchte sich bitte schon überlegen was er tut oder besser lässt. Alle jene, die ihre Stimme der AfD geben, die mit der Pegida sympathisieren, der möge seinen Blick in Richtung Türkei richten und sich anschauen, wie das so geht, wie es aussieht, wenn nach und nach aus einer noch jungen, ausbaufähigen Demokratie eine Diktatur installiert wird. Ich dachte, dass es das in Europa so nie wieder geben könnte, da wir alle besser informiert sein können, da wir keiner Propaganda glauben müssen, weil wir mehr Vielfalt haben uns zu informieren, als unsere Vorfahren am Anfang des Dritten Reiches. Es sollte in dieser Welt kein Platz für Diktatoren sein, absolut nicht.
Ich habe den Artikel bereits gestern geschrieben und als ich heute Morgen den Radio eingeschaltet habe, musste ich hören, dass in Ansbach ein weiterer Anschlag erfolgt war. Der Mann war vor zwei Jahren gekommen, sein Asylantrag war abgelehnt worden und weil in Syrien Krieg ist, war er hier geduldet worden.
Während dieser Tage sind die Geschehnisse irgendwie miteinander verknüpft, auch wenn sie miteinander nichts zu tun haben, so bestimmen sie die Nachrichten. Bei aller Schuldzuweisung, bei allem Erforschen wer die Täter waren und warum sie durchgeführt haben, was sie geplant haben, vergessen wir die Opfer nicht: Die Opfer aus dem Zug nach Würzburg, die Verletzten in Ansbach, die Opfer von München. Das sind, bis auf eine Ausnahme, alle jung. Sie wurden mitten aus dem Leben gerissen, hinterlassen bei ihren Eltern, Geschwistern, Verwandten und Freunden eine Lücke, die sich nie wieder schließen wird. Eckern und zetern wir etwas leiser, aus Respekt vor den Toten, aus Mitgefühl mit ihren Angehörigen und ihren Freunden. Trauern wir mit ihnen, ihnen allein sollte unser Mitgefühl gehören.

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