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Nizza

Vor vielen Jahren war ich mit meinen Töchtern in Nizza gewesen, habe die Zeit dort genossen und die besten Austern meines Lebens gegessen. Nizza, eine wundervolle Stadt, die Gebäude, der Blumenmarkt, die Sonne, das Meer, die Promenade. Die Unbeschwertheit verbindet sich mit all dem. Die Sonne scheint in diesen Tagen nicht mehr so hell, das Meer ist nicht mehr so blau. Die Leichtigkeit des Lebens wurde in Sekundenschnelle zu einer tonnenschweren Last, das unbändige Gefühl der Freiheit, droht verloren zu gehen. Am Ende wird die Freiheit bleiben, wie die Leichtigkeit zurückkommen wird, bleibt derzeit offen, kämpft sie noch gegen Kraft des Wahnsinns, was ein Irrer anrichten kann. Jeder, der egal wann, dort auf der Promenade des Anglais läuft oder laufen wird, wird sich an diesen grausamen Tag erinnern oder durch Gedenktafeln, die irgendwann angebracht werden, daran erinnert werden.


Allein die Frage was das für ein Mensch der gewesen war, der den Tod in Form des Lastwagens gebracht hat, empfinde ich als Schlag ins Gesicht für die Angehörigen der Opfer. Noch ehe auch nur ein einziger Name eines Opfers bekannt gegeben worden ist, wusste die Welt bereits wie der Fahrer des Lastwagens hieß, dass er Kinder hatte. Ist mir egal wer er gewesen war, ich will das nicht wissen. Aber er muss unglaublich blöd gewesen sein. Wer so etwas tut, der kann nicht schlau sein, der ist dumm und eher ohne Bildung, denn sonst wüsste er, dass das nicht der Weg sein kann. Natürlich müssen die Behörden ermitteln, welcher Hintergrund besteht, aber für die Presse: Kümmert Euch in angemessener Art und Weise und mit gebührendem Respekt um die Opfer und ihre Familien. Frauen, Kinder, Männer, bislang sind 84 Tote zu beklagen. Menschen, die ohne jede Vorwarnung mitten aus dem Leben gerissen worden sind. Sie alle haben Familien hinterlassen, die keine Antwort auf das „Warum?“ finden werden, deren Schmerz irgendwann nachlässt, dabei aber auf ihren Seelen tiefe Narben hinterlässt.
Es gibt keinen Grund, kein Argument, das einen solchen Anschlag rechtfertigen kann, auf Menschen Bomben zu werfen, andere zu töten, sein eigenes Leben wegzuwerfen, um dabei so viele Menschen wie nur möglich, um sich herum mit in den Tod zu reißen. Was nutzen die tollsten Jungfrauen im Paradies, wenn der Körper auf Erden bleibt und allein nur der Geist, wenn überhaupt, dorthin ins Paradies entschwindet? Man muss sich das vorstellen, kommen ins Paradies zu unendlich vielen Jungfrauen und können, körperlos geworden, nichts damit anfangen, nicht das tun, was sie sich auf Erden vorgestellt haben. Umsonst gestorben, nicht nur der Attentäter, sondern auch all jene, die er mitgenommen hat. Es ist kein Trost, sich das auszumalen und gibt keinen Moment mehr des Trostes, aber ein klein wenig Genugtuung, den Hauch eines solchen Gefühls, den hätte ich dann schon und meine Fantasie gibt mir noch sehr viel mehr solcher Szenarien und bei aller Tragik, sind diese Attentäter am Ende nur noch grausame, aber irgendwie auch lächerliche, traurige Figuren.
Ein Angriff auf unsere Freiheit, eine Attacke auf unsere Freiheit? Neid auf unseren Lebensstil, scheint mir dabei die größte Motivation zu sein. Wer will schon gerne in der Wüste im Mittelalter leben. Der Angriff war eine Angriff auf unsere Freiheit, auf unseren Lebensstil und es ist gerechtfertigt „unsere“ zu schreiben, denn das, was in Nizza geschehen ist, das kann überall in Europa, überall auf der Welt geschehen, wo Menschen in Friede und Freiheit zusammenleben und dabei Lebensfreude empfinden. Lebensfreude. Lebensfreude, das ist etwas, das sehr persönlich ist, das jeder Mensch für sich individuell definieren muss. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit einer Waffe in der Hand Lebensfreude empfinden kann, das ist für mich ein Ausdruck von Hass auf das eigene Leben, den eigenen Lebensstil. Warum aber ist man nicht in der Lage, das selbst zu ändern und muss sich und andere Menschen deswegen töten? Weil man zu feige ist, das selbst in die Hand zu nehmen und sein Leben zu ändern? Weil man irgendwen braucht, der einem erklärt, dass der Tod die Änderung ist? Worin liegt der Vorteil, wenn man sich feige davon macht? Anstatt einer Waffe, mal ein Buch in die Hand nehmen, lesen und lernen. Lernen, das Material, das uns von der Natur mitgegeben worden ist, nutzen und nicht wegen einer Waffe in der Hand brach liegen und vermodern lassen. Ist das der Sinn des Lebens? Nein, sicher nicht. Diese Welt braucht Menschen, die intelligent genug sind, das zu erhalten und zu pflegen, was uns allen gemein ist und dem Allgemeinwohl auf der Erde dienen sollte: Die Fähigkeit eigenständig zu denken und zu lernen, zu lieben, Gefühle zu haben. Menschen mit Waffen in der Hand, um Menschen zu töten oder Schaden zuzufügen, die können nicht denken, nicht vernünftig und logisch handeln, nicht lieben, nicht hegen und pflegen, nicht beistehen und trösten, nicht helfen. Ich glaube sie können noch nicht mal singen. Ich stelle mir all jene vor, die glaubten oder die gerade jetzt glauben jenen nachzulaufen, die ihnen Heil oder den Weg aus ihrer persönlichen Misere versprechen. Zeigt mir den, der seit er dort ist, lernen oder gar studieren durfte, jene Frau, die frei entscheiden konnte, welchen Mann sie lieben möchte und die nicht als Sklavin irgendwo in jeder nur erdenklichen Art und Weise irgendeinem dienen musste. Zeigt mir was diese Menschen für die Zukunft planen, außer Gewalt, Mord, Totschlag und Verbrechen, pflanzen sie Bäume, bearbeiten sie die Erde, die uns allen geschenkt worden ist, bauen sie Häuser, ziehen sie Kinder groß, wechseln deren Windeln, trösten sie, wenn sie weinen, küssen ihren mit Schokolade verschmierten Mund, lassen sich mit schmutzigen Händchen betatschen. Mir ist noch niemand begegnet, kein Journalist hat je einen Menschen getroffen, der berichtet hat, dass diese Verbrecher für Bildung gesorgt haben, oder all das, was ich aufgezählt habe, tagtäglich tun. Das werden sie nicht tun, das wollen sie nicht haben, denn dann ist sicher, dass ihnen die Menschen in Scharen davon laufen werden, wenn sie irgendwann mal aufwachen und fragen: Warum bringt ihr Menschen um? Könnt ihr nicht lieben? Niemand sagt Euch, dass ihr das tun müsst. Ungebildete Menschen sind leichter zu führen als gebildete.
Es ist im Moment so unendlich schwer zu verstehen, weshalb Menschen so etwas tun. Es gibt keine Erklärung dafür, keine Entschuldigung und ob wir das jemals verstehen werden, keine Ahnung. Ich möchte mir meine Freiheit nicht nehmen lassen, auch nicht die meiner Kinder und Enkelkinder. Warum auch? Wenn es irgendwann möglich ist, werde ich nach Nizza reisen, die Stadt, die mir so unglaublich gut gefallen hat und in der ich die besten Austern meines Lebens gegessen habe, in der ich unbeschwerte Stunden mit meinen Töchtern verleben durfte. Ich verneige mich vor den Opfern und drücke den Angehörigen mein Beileid aus.

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