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Sonntagsgedanken

Draußen ist es alles andere als ein freundlicher Tag gewesen. Nieselig, so ein feiner Regen, der getrieben vom Wind, jede noch so kleinste Ritze findet. Natürlich weiß, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung gibt. Dennoch ständig hörte ich die Couch rufen: „Komm doch her! Komm doch her!“.

Ich habe dem widerstanden, ein Exposé das nun fünfte Mal gelesen, die dazu gehörigen dreißig Seiten auch. Meine Schwiegermutter, in ihrer Demenz nun fast unfähig ihre Körperpflege alleine zu gestalten unter die Dusche gestellt, was sie mit entsprechender Laune quittierte.

Ich habe gestern das Buch zu Ende gelesen, das ich vor ein paar Tagen begonnen habe und gleich eine Rezension geschrieben. Ich überlege ab und zu mal eine einzustellen oder auch einem befreundeten Blog zur Verfügungen zu stellen, aber das schwebt alles noch. 

Als ich dann meine Mutter im Pflegeheim, wo sie sich zusehends von den Strapazen der letzten Wochen erholt, war ihr erstes Gesprächsthema der Auftritt von Monika Lierhaus gestern Abend bei der Verleihung der Goldenen Kamera. Das hat mich sehr beeindruckt und ich ehrlich bin, stahlen sich einige Tränen aus meinen Augen und rollten davon.

Welch eine Frau! Wie viel Kraft muss sie haben? Gestützt von einem Netz an Freunden und Familie. Am Nullpunkt wieder anfangen, neu beginnen. Als erwachsener Mensch wie ein Kind erscheinen. Nicht wie ein Depp, wie ich das irgendwo gelesen habe, sondern als  Kleinkind und jünger. Lernen die einfachsten Grundbedürfnisse zu decken, Gleichgewichtsübungen, Grundvoraussetzung um wieder laufen zu lernen. Muskeln aufbauen, die sich durch die lange Liegezeit in Masse ohne Kraft aufgelöst haben. Reden, sich mitteilen, zurück auf den Anfang. Es ist wie bei Monopoly: Gehen Sie zurück auf Los, oder gehen Sie in das Gefängnis, gehen Sie nicht über Los, ziehen Sie keine 2.000 Euro ein. Oder wie bei einem PC, bei dem man die Reset-Taste drückt, oder der eine neue Zentraleinheit braucht. Ich weiß nicht wie das, ist kann mir das noch nicht einmal vorstellen. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich mir das auch nicht vorstellen.

Monika Lierhaus watscht uns, die wir all das können und als selbstverständlich nehmen, richtig ab. Sie zeigt uns, dass immer was geht. Wir dürfen natürlich jammern, zedern, und fluchen so lange wir weiter gehen. Das wird sie auch getan haben. Ich verneige mich vor ihr und wünsche ihr weiter sehr viel Kraft, sie ist wieder da und eines Tages wird sie dort angekommen wo sie das möchte.

So enden meine Sonntagsgedanken, nachdenklich, erfüllt, während es draußen immer noch ein Hundswetter ist.

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4 Kommentare zu „Sonntagsgedanken“

  • barbara2 says:

    also hier war es warm und sonnig und so richtig frühlingshaft udn alle leute draussen. meine cousine erzählte, sie habe ihr schwiegermutter nur zu 2. unter die dusche zur reinigung bekommen, selbst, wenn diese das vorher wollte.
    monika lierhaus kam eben auch in meinen nachrichten. der name sagt mir gar nichts. michael eggert veröffentlicht ab und an buchrezensionen

  • Gitta says:

    es war keineswegs kalt, aber nicht wirklich einladend raus zu gehen.
    Ich hatte schon einige Berührung mit demenzkranken Menschen und noch nie ist mir ein erkrankter Mensch begegnet, der so relativ sanft ist wie meine Schwiegermutter. Natürlich kan sie auch mal grätzig sein, aber das ist dann der Fall, wenn sie anderer Meinung ist, dies ja aber gar nicht mehr artikulieren kann. Leider. Das ist übrigens das größte Problem an dieser verfluchten Krankheit, dass die Kommunikation sehr leidet, bis sie fast gar nicht mehr möglich ist. Das bringt das Problem mit sich, dass sie sich nicht mehr ausdrücken kann, aber auch den Sinn der Worte nicht mehr versteht und man dann alles unzählige Male wiederholen muss, auch wiederholt in der Hoffnung, dass es doch noch ankommt.
    Du kannst Monika Lierhaus googlen, dann wirst du ihre Geschichte sicher finden, auch wer sie ist. Ich kann mir n icht vorstellen, dass das was ich rezensiert habe das Genre von Michael Eggert treffen könnte :-)).
    Dir einen guten Start in die Woche.

  • barbara2 says:

    meine zeitung hat heute ausführlich über monika lierhaus gebracht. das ist ja wirklich ein schicksal.
    das mit den fehlenden worten fällt mir zunehmend bei meiner mutter auf

  • Gitta says:

    Eben weil es ein solches Schicksal ist, es gibt übrigens noch eine prominente Frau, Gaby Köster die vor Jahren schon einen Schlaganfall erlitten hat, aucu noch recht jung. Es bedarf enormer Kampfkraft umd sich wieder ins Leben zurück zu kämpfen.
    Fehlende Worte können der Anfang sein, müssen es aber nicht…

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