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Wenn es anders kommt als gedacht…

Es gibt Menschen, die mit Stress umgehen können, andere eben nicht. Es gibt Menschen, die mit Murphys Gesetz auf „Du und Du“ stehen und dick mit ihm verbunden sind. Dieser Murphy, der rennt ihnen förmlich hinterher. Andere wissen gar nicht, dass es ihn gibt. Urlaubszeit, wunderbare Zeit meine Tochter fährt mit ihrer Familie in Urlaub, mein Schwiegersohn muss früher in seine Firma zurück, sie fährt mit ihrer Tochter weiter, macht eine traumhafte Reise durch allerlei Feenwelten in unserem Land. Ich wusste gar nicht, dass es das gibt und beneide sie dafür, dass sie das entdeckt hat.


Meine Tochter übrigens ist die Autorin Jana Herbst und ich muss an dieser Stelle ihre Romane empfehlen. Sie sind spritzig, witzig erzählt, haben alles, was ein Roman braucht: Liebe, Sex und Crime, wunderbar zu lesen. Beide Romane, die sie bei feelings veröffentlicht hat sollte man gelesen hat. Nun genug der Werbung und wenden wir uns Murphy zu.

 

Ich habe noch eine Tochter, die vor wenigen Wochen, wie auf meinem Blog oma-becker.de zu lesen war, einen Sohn geboren hat. Sie rief mich letzte Woche eines morgens um fünf Uhr früh an, dass sie wieder jene Schmerzen habe, die sie damals hatte, als… Jede Mutter, jeder Vater, jede Tochter und jeder Sohn kennt das, in einer Familie läuft dann eine gewissen Maschinerie an, die überall vollkommen eigen ist, ihre eigene Dynamik hat. Mich kann man mitten in der Nacht mit einem Notruf wecken und ich bin sofort hellwach und in meinem Kopf beginnen die Gedanken zu laufen, was – rein organisatorisch – zu tun ist.

 

Ich fuhr also los und vor ihrer Haustür fand ich die Sanitäter, die nicht wussten, wo sie klingeln sollten. Na ja, sie hatten keine Zeit verloren, da wir zeitgleich angekommen waren. Ein stückweit kann ich richtig böse werden. Man habe den Namen des Anrufers nicht richtig verstanden, oder der wurde nicht richtig weitergegeben. Herrgott wie kann das sein? Der Partner meiner Tochter öffnete die Tür und ich lief an den beiden Männern vorbei nach oben. Anstatt sich um die Patientin zu kümmern, lauschte einer der Sanitäter sodann, wie ich mich mit dem Partner meiner Tochter ausgetauscht habe, wie und in welcher Reihenfolge wir was tun wollen. Mitten in unsere Unterhaltung meinte einer der Männer:

„Nun beruhigen Sie sich mal!“

Hallo? Was geht ihn mein Gemütszustand an? Ich wandte mich ihm zu und sagte betont, es könnte ja sein, dass er meine Worte auch nicht versteht.

„ICH BIN RUHIG!“

Somit war auch das geklärt und wir konnten in Ruhe weitermachen, die Versicherungskarte meines Kindes raussuchen und all das, was nötig war anlaufen lassen. Fragwürdig fand ich dann doch, einen Menschen, der Schmerzen hat, aus dem dritten Stockwerk nach unten in den Wagen laufen zu lassen. Die Frage: „Meinen Sie, dass Sie nach unten laufen können?“ sollte sich in solchen Fällen verbieten. Jeder jüngere Mensch wird nach unten laufen, egal wie beschwerlich es auch immer ist. Das war so das I-Tüpfelchen an diesem Morgen und ich wünsche mir niemals jene Besatzung als Sanitäter zu haben.

 

Nach drei Stunden war meine Tochter wieder zu Hause, wirklich gut ging es ihr nicht und die Schmerzen nahmen erneut zu. Nach dem Termin bei der Hausärztin hatten wir die Einweisung in der Tasche und fuhren erneut in die Erste Hilfe von Havelhöhe, wo sie dann aufgenommen wurde. Mit Baby. Mit mir, um das Baby zu versorgen. Kann ich nachvollziehen, dass in solchen Fällen noch ein einsatzfähiger Mensch mit an Bord ist. Der Papa und Opa war zu dieser Zeit außerhalb Berlins und trat verfrüht die Rückreise an, um sich auch um die Tochter unserer Tochter zu kümmern.

 

Ich war bei der Aufnahme dabei und ich fand es super, dass die aufnehmende Chirurgin sich umgehend mit der hauseigenen Entbindungsstation in Verbindung gesetzt hat, welche Medikamente meine Tochter bekommen kann, ohne den Säugling gleich mitzubehandeln. Allerdings gehe ich aber auch davon aus, dass das in jedem Krankhaus so ist, alles andere wäre schwachsinnig. Aber genau das gab mir das Gefühl, dass wir dort am richtigen Platz waren. Einige Werte waren während der letzten Stunden schräg geworden und einige Untersuchungen folgten und am Freitag dann die Operation.

 

Am Freitag dann die nächste Hiobsbotschaft: Der Mann meiner großen Tochter, eben der Autorin Jana Herbst, war in der Nacht in der Notaufnahme eines KHs in Westend, wo eine Röntgenaugendiagnose gestellt und er wieder nach Hause geschickt wurde. Auch sie würde ihren Urlaub abbrechen und sich sodann auf den Weg nach Hause machen. Meinem Schwiegersohn ging es alles andere als gut und nachdem er eine weitere bescheidene Nacht hatte, entschloss sie sich am nächsten Tag entsprechend zu handeln: Sie brachte ihren Mann ebenfalls nach Havelhöhe, wo er zwei Stunden nach seinem Eintreffen auf dem OP-Tisch lag.

 

Alles kurz vor knapp, aber es geht – Gott sei Dank – gut aus. So war das nicht geplant, aber das Personal fand das witzig und der Chefarzt frage mich lachend, ob ich noch mehr Familienmitglieder habe und er deswegen vorsichtshalbe das eine oder andere Zimmer mal reservieren sollte.

 

Der Chefarzt, Prof. Lemmens, ein Typ Arzt, der – wie ich das beschreiben möchte – einer der alten Art ist. Einer, der durch die Zimmer läuft, einer, der auch eben mal vorbei kommt, wenn er neue Werte erhalten hat, die zwingen zu warten oder gleich zu handeln. Einer, der noch Visite macht, in jedem Zimmer, bei jedem Patienten seiner Station. Das ist nicht auf allen Stationen so, ich weiß das, weil ich mindestens eine weitere kenne, da ist man gelegentlich als Patient etwas verwaist und sieht wenn, dann nur – und das ist nicht abwertend gemeint – den Assistenzarzt oder die Assistenzärztin, die bei eingefleischten Betroffenen Antworten schuldig bleiben oder hilflos erst mal nachschlagen müssen. Okay, sie lernen noch, aber ich meine, dass es nie schlecht ist, wenn Oberarzt und Chefarzt sich die Patienten täglich anschauen. Es ist nun mal ihr Job das zu tun.

 

Ich war nur Mitläufer, Beobachterin im Hintergrund, konnte das Geschehen beobachten, konnte erleben, wie der Apparat läuft, wie man überlegt noch mal zu operieren oder auch mal zuzuwarten, weil die Werte dazu gezwungen haben. Abwägen, zum Wohl des Patienten entscheiden, sich zu informieren bei andern Abteilungen, mit den Patienten zu kommunizieren, über die nächsten Schritte oder auch nur den nächsten kleinen Schritt zu reden, das hat mir das Gefühl gegeben, dass man die Menschen ernst nimmt, nicht allein den Organ-oder Gliedmaßen-Patienten sieht.

 

Leider geht Herr Prof. Lemmens in den wohlverdienten Ruhestand, wofür ich ihm alles Gute wünsche, verbunden mit dem Wunsch, dass der Nachfolger oder die Nachfolgerin das Handling so beibehält, dass die Chirurgie so menschlich bleibt wie sie ist. Das gibt den Patienten Sicherheit und auch Geborgenheit.

 

Meine Tochter, das Baby und ich, haben das Krankenhaus verlassen können, mein Schwiegersohn muss noch ein wenig aushalten. Zwei oder drei Tage noch, dann hat auch er es überstanden. Beide sind als Notfälle gekommen, bei beiden ist alles gut gegangen und wahrscheinlich werden wir das, wenn alle wieder ganz fit sind, gebührend feiern.

 

Ich wünsche jedem viel Gesundheit, Achtsamkeit sich selbst gegenüber, keine Erste Hilfen, die sie trotz Schmerzen wieder wegschicken, Erste Hilfen, die wirklich helfen. Am besten aber, ihr bliebt alle gesund! Egal was immer ihr auch tut: Laßt es Euch gut gehen!

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1 Kommentar zu „Wenn es anders kommt als gedacht…“

  • Rike Stienen says:

    Liebe Gitta,
    es ist immer wieder bewundernswert, wie Du rund um die Uhr für Deine Familie verfügbar bist und alles meisterst.Hut ab.
    Herzlichst Rike

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