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Ziemlich beste Freunde

Ich habe mir gestern den Film „Ziemlich beste Freunde“ angeschaut. Er hat vor einer ganzen Weile schon Premiere gehabt, ist fast schon ein Oldtimer unter den Filmen der schnellebigen (nein ich schreibe keine 3 „lll“) Filmwelt. Der Film orientiert sich an einer wahren Begebenheit. Ein bezaubernder Film? Ich kann ihn so nicht bezeichnen. Ein Film, der Herzen berührt? Vielleicht. Aber ein Film, der anregt seine eigene Haltung behinderten Menschen gegenüber zu überdenken.

Ich kopiere aus dem Angebot den Film als Schulmaterial zu nutzen:

Die Handlung basiert auf einer wahren Begebenheit:  Eigentlich will sich Driss bei dem Vorstellungsgespräch nur eine Unterschrift für das Arbeitsamt abholen.

Denn an der Stelle als Pfleger für den querschnittgelähmten Philippe, der seit einem Unfall weder Arme noch Beine bewegen kann, hat er nun wirklich kein Interesse. Doch der reiche Philippe findet Gefallen an dem ruppigen, frechen und auf seine Art sehr ehrlichen Driss, der keinen Hehl aus seinen wahren Absichten macht und nicht vorgaukelt, den Job aus irgendwelchen moralisch wertvollen Gründen haben zu wollen. Driss ist überrascht, als er eingestellt wird. Aber weil ihn seine Mutter gerade vor die Tür gesetzt hat – Driss war sechs Monate im Gefängnis und hatte sich nicht bei ihr gemeldet – bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als sich auf die Probezeit einzulassen. Denn schließlich bietet Philippe ihm freie Kost und Logis an – in so prächtigen Räumen, wie Driss sie noch nie gesehen hat.

Weil Driss so normal mit Philippe umgeht und dessen Behinderung nicht als Problem thematisiert, wirkt er auf Philippe so angenehm. Er sieht nicht auf ihn herab, sondern begegnet ihm auf Augenhöhe. Und so reißt er diesen aus seinem üblichen Trott, streift mit ihm nachts durch Paris, raucht mit ihm Joints und vermittelt ihm wieder eine vergessene Freude am Leben. Bis Philippe ihn eines Tages wieder gehen lassen muss, als Driss von seiner Familie gebraucht wird.

Inspiriert von einer wahren Geschichte: ZIEMLICH BESTE FREUNDE basiert auf den Biografien von Philippe Pozzo di Borgo und Abdel Sellou, auf deren Lebensgeschichte die Filmemacher durch eine Dokumentation aufmerksam wurden. Pozzo di Borgo stimmte einer Verfilmung zu, wollte jedoch einen humorvollen Film über sein Leben sehen – und so betont

ZIEMLICH BESTE FREUNDE zu Beginn in einem Textinsert, dass die Geschichte von realen Biografien nur inspiriert wurde. Damit verschafft er sich eine weitaus größere Freiheit, die für eine Komödie notwendig ist und auch gewisse Zuspitzungen der Figuren sowie pointierte Dialoge zulässt. Daher sollte der Film auch nicht als Abbild der Realität gesehen werden, wenngleich sein Humor und seine Warmherzigkeit wohl der Haltung von Pozzo di Borgo sehr nahe kommt.

Meine eigene Wertung: Der Film ist sehenswert, keine Frage, steht der total einfach wirkendeUmgang von Driss mit dem schwerstbehinderten Philippe im Vordergrund. Eins der wohl bekanntesten Zitate ist: Keine Arme, keine Schokolade. Ich glaube niemand würde sich das wirklich trauen zu sagen, nicht im Scherz, nicht im Ernst. Aber genau das ist es, was den Film überzeugend macht. Das ist durchgängig. Da probiert Driss mit heißer Flüssigkeit aus, ob Philippe wirklich keinen Schmerz fühlen kann. Auf die Idee würde doch niemand kommen. Oder etwa doch? Der offene Umgang von Driss mit einer möglichen Sexualität von Philippe, die Deckung von seinen Bedürfnissen, das Umsetzen, aber gleichzeitig auch die Sorgfalt, die Driss dann zeigt, finde ich sehenswert. Er läßt den Rollstuhl von Philippe aufmotzen und rast mit ihm gemeinsam durch den Park, sie rauchen Joints, paragleiten durch die Lüfte.

Allerdings, auch wenn der Film auf realem Leben basiert, so ist er doch ein wenig realitätsfern, was die Masse derer angeht, die auf fremde Hilfe angewiesen sind. Kaum ein Mensch mit Behinderung hat dieses finanzielle Equipment hinter sich stehen. Da zermürben die Kämpfe mit den Krankenkassen und öffentlichen Institutionen, um jede persönliche Erleichterung. Warum? Da kann sich kaum jemand einen privaten Pfleger einstellen. Ein Unding. Da schickt der Pflegedienst, wenn es sein muss drei Mal am Tag, Pflegepersonal, die früher oder später alle selbst gesundheitliche Probleme haben werden, weil, wie würde Horst Schlämmer das ausdrücken, sie alle Rücken bekommen. Viele der schwerbehinderten Menschen sind deutlich schlechter gestellt, als dies der Durchschnitt der Bevölkerung ist und sollten sie besser gestellt sein, sind die Eigenbelastungen so groß, dass sich das nichts mehr nimmt.

Aber es ist nicht nur der Umgang von Driss mit Philippe sondern auch der von Philippe mit Driss, der gerade nach einer Strafe von sechs Monaten aus dem Gefängnis entlassen war. Philippe wusste das, sein Anwalt hat das recherchiert und trotzdem hält er an ihm fest. Aus dem ernsten Mann wird ein Mann, der lachen kann, der Freude an seinem wenigen Dasein hat, der, obwohl vom Hals ab gelähmt, so etwas wie Leben spürt

Ich selbst habe manchmal Probleme im Umgang mit behinderten Menschen. Manchmal. Das, obwohl mein Sohn ein Mensch mit Handicap war. Ein mit der Zeit sichtbar gewordenes Handicap, das uns zur optischen Zielscheibe anderer Menschen gemacht hat. Wir haben es ignoriert und ich drehe mich heute nicht nach anderen um. Fremde Blicke haben mich nicht gestört. Trotzdem ich kann diesen unbekümmerten Umgang zu fremden Menschen mit Handicap heute nicht leben. Das liegt zum Teil an mir, keine Frage, aber auch an ihnen. Wenn ich als Fußgänger von einem Rollifahrer fast umgefahren werde, weil ich hinten im Kopf keine Augen habe und dann noch eine Schimpfkanonade über mich ergehen lassen muss, dann finde ich das nicht lustig, oder wenn ich beiseite springen muss, weil diese mit einem Affenzahn mit Elektrorollis durch Einkaufscenter fahren, auch nicht. Natürlich halte ich die Tür auf, natürlich hole ich aus dem Fach ganz oben das, was gebraucht wird und natürlich gebe ich Hilfestellung, biete diese auch an. Ich unterhalte mich auch mit ihnen, scherze, mache Witze, aber ich weigere mich angepöbelt zu werden, kein Bitte oder danke zu hören, aber auch zu geben. Das ist der Alltag. Der Film grenzwertig ein Märchen und man erwartet am Ende fast sogar, dass der Gelähmte, wider besseres Wissen, aus dem Rolli aufsteht.

Trotzdem ein sehenswerter, ein Film mit feinen Nuancen, die man sehen, die man erkennen muss. Ein Film in dem weniger die Behinderung, weniger der soziale Unterschied im Vordergrund steht, sondern der mehr Mensch selbst. Ich bin mir sicher, dass ich ihn mir ein zweites und ein drittes Mal anschauen und dann wieder etwas Neues entdecken werde.

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