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Wie bei Furtwänglers und von der Leyens

Ich schreibe gerne in meinem Blog. Vielleicht sind Blogger auf eine ganz bestimmte Art und Weise Selbstdarsteller. Falsch nicht nur vielleicht sondern ganz sicher. Bloggen ist in sich eine Kunst. Man kann platt und blöd bloggen, man kann all sein Privates nach außen tragen, man kann informativ oder witzig sein, im besten Fall informativ und witzig. Es gibt politisch Blogs, kreative und einige mehr. Die Kunst ist als Blogger nur das zu schreiben, was man nach außen lassen will und trotzdem den Eindruck vermitteln, dass der Leser nun alles kennt und weiß. Es ist immer ein Spagat und wird es bleiben, aber grundsätzlich hat es immer jeder selbst in der Hand wie viel Information nach außen er zulassen möchte. Einige Blogger verfolgen auch bestimmte Ziele mit ihren Blogs. Welche das sind?

Sie sind unterschiedlicher Art und ich kann nur von mir ausgehen, was mir er Blog bringt, welches Ziel ich damit verfolge. Ich lasse auf meinem Blog nur das zu, was ich zulassen will, schreibe über das was ich schreiben will, vielleicht etwas zu lieb und nett, aber es ist weniger meine Art ständig aus der Haut zu fahren, weil es mir zu anstrengend ist immer dorthin zurück zu kehren. Ich muss nicht immer Roß und Reiter nennen, weshalb sollte ich das? Ich denke ihr seid alles so fit, dass ihr immer wisst was ich meine und mein ganz privates Leben teile ich nicht mit Euch, tja das ist halt so. Ich könnte nun nachschauen seit wann ich regelmäßig schreibe, aber das ist mir zu anstrengend, mit Jubiläen jedwelcher Art habe ich nichts am Hut. Ich haue meine regelmäßigen Fehler in meine Texte, weigere mich aber so manchen Schrott der Rechtschreibreform zu übernehmen. Die geht mir so was von am Hintern vorbei, das glaubt man gar nicht. So ist mein Blog langsam und stetig gewachsen. Hat eine tägliche Besucherzahl, die mein Herz erfreut. Dafür danke ich meinen Lesern.

Heute möchte ich über etwas sehr Privates schreiben, etwas, das so viele Menschen auch leben, etwas, das so mannigfaltig und unterschiedlich im Verlauf ist, dass es mir heute wert ist darüber zu schreiben: Alzheimer. Nein, ich habe kein Alzheimer, noch nicht und ich habe keine Ahnung, ob ich irgendwann einmal davon betroffen sein werde. Ich will das heute auch gar nicht wissen. Gestern, als ich Klatschtag hatte, habe ich beim Cover der „Frau im Spiegel“, das Maria Furtwängler und Ursula von der Leyen, deren Väter Alzheimer haben, gezeigt hat, geschrieben, dass ich da, stellvertretend für alle Betroffenen natürlich, auch auf diesem Bild sein sollte. Heute will ein klein wenig darüber schreiben: Ich bin eine pflegende Angehörige, trotz und entgegen aller gut gemeinten Ratschläge. Wer in meinem Blog stöbert, der kann unter Projekte den Punkt Drehbuch Demenz etwas lesen. Hier habe ich einige wenige Einträge geschrieben, das aber ab einem gewissen Punkt eingestellt, weil ich, trotz aller Öffentlichkeit der Krankheit und des Verlustes der Persönlichkeit, nicht das Recht meiner Schwiegermutter auf den Schutz ihrer Persönlichkeit verletzten wollte. Ich glaube jeder, der pflegt oder in die Situation kommt, pflegen zu müssen, wird sich hinreichend informieren, was da auf ihn zukommen kann, nicht zwangsläufig muss, oder es gar schon erlebt.

Ich wusste was es bedeuten kann zu pflegen und zu betreuen, mein Sohn war ein besonderes Kind gewesen, man darf es in meinem Buch „Gänseblümchen“ nachlesen. Trotz des ernsten Hintergrundes ein fröhliches Buch, man kann es ohne jede Angst lesen.  Trotzdem hat es eine andere Qualität, ob man sein Kind pflegt und betreut, oder seine Mutter, seinen Vater oder wie in meinem Fall seine Schwiegermutter. Schwiegermütter sind immer ein wenig mit einer negativen Aura belegt, nicht so meine Schwiegermutter, die mich eher als Tochter, denn als Schwiegertochter angesehen hat, die mich mit offenen Armen aufgenommen und nie daraus verstoßen hat, auch wenn es ein Ereignis in den langen Jahren gegeben hat, das für eine Zeit eine kleine Mißstimmung erzeugt hat, aber nie zu einem wirklich Streit geführt hat. Sie, meine Schwiegermutter, war immer für uns alle da, egal wann und egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Sie hat sich aufopferungsvoll  mit unserem Andreas beschäftig, stundenlang, hat nie die Geduld verloren. Er hat sie abgöttisch geliebt und so muss das wohl so sein, dass sie heute, da sie es selbst nicht mehr kann, von mir versorgt, betreut wird.

Die erste Zeit nach ihrem Umzug zu uns war sehr schwierig. Nicht nur, dass wir sie aus ihrer gewohnten Umgebung in eine neue Wohnung geholt haben, nein wir haben sie zusätzlich in eine andere Stadt holen müssen, weit entfernt von ihrer Schwester, mit der sie eine Einheit gebildet hat. Es geht jetzt aber nicht um ihren Krankheitsverlauf, sondern einfach mal um mich, die ich „Pflegende Angehörige“ bin. Sicher es gibt Informationen, man kann sich Hilfe holen und einiges mehr, aber so ein Tag hat 24 Stunden, die man manchmal als doppelt so lang und intensiv erlebt. Wenn der zweite Vorname der/des Betroffenen „Unruhe“ ist, wenn man jede Tür abschließen muss, wenn man, weil die Küchentür abgebaut ist, diese so verbauen muss, dass man selbst am Morgen eine Zeit braucht um da hinein zu gelangen, wo der Kaffee förmlich wartet, wenn man den Bereich eingrenzen muss in dem sich der Kranke ungefährdet bewegen kann, dann nervt das irgendwann mal, dann kotzt einem das auf gut deutsch gesagt einfach nur an. Vor allem aber gibt man sein eigenes Leben auf.

Es gibt sehr aggressive Erkrankte, die sich nicht waschen lassen wollen, deren intime Pflege und damit verbunden jeder Toilettengang zu einen Kamikazeereignis wird und sich deswegen schwierig gestaltet. Wenn du abends schlafen gehst, dann stehst du jede Nacht einige Male auf, weil Du Geräusche hörst, die in deinen Traum gerade nicht passen. Wenn du morgens nicht weißt, was dich da draußen, außerhalb deines Bettes, deines Schlafzimmers erwartet und dann der Hammer dasteht, bereit ist dir eins überzubraten, weil deine Wohnung morgens irgendwie anders aussieht, als du sie vom Abend vorher in Erinnerung hast. Je häufiger das passiert, desto mehr baust du irgendwann mal Aggressionen auf, gegen die Krankheit, gegen die Erkrankte. Nein du übst keine körperliche Gewalt aus, wenn dir das ohnehin verpönt ist, denn eine Hand die streichelt und liebkost, die schlägt nichts und niemand, weder Kind, noch Erwachsenen, noch Tier. Aber, und das war für mich immer sehr viel schlimmer, du meckerst, du übst psychische Gewalt aus, sagst Worte, die du gar nicht sagen willst, einen Haufen Mist und ärgerst dich über dich selbst. Du sprichst nicht in Gewaltstärke, dass derjenige nun in Angst vor dir erstarrt. Aber das, was du sagst, das bereust du später garantiert. Daran kaust du, das bist nicht du, das ist der böse Geist in dir und den jeder in sich irgendwo schlummern hat.

Dazu kommt, dass du zwar in einem Alter bist, dass die Kinder groß, teilweise das „Haus“ verlassen haben und du spontan planen könntest, nein das geht einfach nicht. Du gibst dein eigenes, freies Leben auf. So bist du darauf angewiesen, dass andere da sind, wenn du weg willst, dass deine Freunde sich darauf einstellen mit dir erst zwischen 19 und 20 Uhr beim Italiener zu rechnen, weil es vorher nicht geht. Du musst für jeden Pubs, den du für dich planst, auch noch Fremdbetreuung für den Erkrankten planen. So lange dieser mobil ist, ist das mit sehr vielen Problemen behaftet. Gut, du kannst sie in die Tagespflege bringen, aber du musst dann wieder pünktlich zu Hause sein, wenn diese zu Ende ist und die Angehörigen nach Hause gebracht werden. Na, dann steh mal in einem Berliner Stau und wenn ich mir dann noch vorstelle, dass die Grünen und die SPD in Städten generell 30 km/h planen, dann bekomme ich das nackte Grausen, weil dann gar nix mehr geht, dann pennen die im Auto nur noch und bilden permanent Staus und Autoknäuels. So fließt der Verkehr wenigstens noch ein bißchen. Nicht allein solchen Blödsinn in den Raum stellen, sondern auch mal zu Ende denken und zwar in allen Facetten, wird von uns Bürgern ja auch verlangt. Solche Parteien kann man nicht wählen. Allerdings bin ich mir nicht sicher ob man überhaupt eine wählen kann und selbst die Piraten halten nicht das, was sie versprochen haben. Du nimmst deine Schwiegermutter samt Krankheit natürlich auch mal mit, aber glaub‘ nicht, dass das immer ein Vergnügen ist. Solange sie mobil sind, musst du immer damit rechnen, dass diese „kleinen Biester“ diese Gelegenheit nutzen, um abhauen zu wollen. Na dann erklär mal den Leuten, dass… Man wird es natürlich verstehen, aber wir wissen doch, dass jeder andere das besser machen würde. Bessermacher, Besserwisser sind wir alle, ich nehme mich da nicht aus.

Bei uns ist das nun so, dass Oma nicht mehr mobil ist, im März Uroma wurde, den 90. Geburtstag im April hatte. Das vereinfacht alles? Nein tut es ganz und gar nicht. Statt sie irgendwo einzufangen, musst du sie nun permanent lagern, aus dem Bett heben und wieder hinein heben, da bekommt man „Rücken“ wie Horst Schlemmer zu sagen pflegt. Mir ist klar weshalb meine Pflegekräfte es alle durch die Bank durch im Kreuz haben. Die meisten kommen trotzdem zur Arbeit auch wenn sie Schmerzen haben. Sie rennen nicht wegen jedem Pubs gleich zum Doc und schlecht bezahlt sind sie obendrein. Auch das muss mal gesagt werden. Viele kommen ohne einen zweiten Job gar nicht über die Runden. Seit Anfang diesen Jahres hatten wir einige Mal schon gedacht, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, dass sie gehen will, aber sie hat sich immer wieder berappelt, geht aus diesen Infekten immer mehr geschwächt hervor. Nein, nichts ist einfacher seit sie so pflegebedürftig ist.

Ich hätte niemals meinen Andreas allein gelassen, das wäre auch gar nicht möglich gewesen, dadurch bin ich ordentlich konditioniert, hasse es unsere Oma alleine zu lassen, auch wenn sie nun so gebrechlich ist, dass sie alleine weder den Rollstuhl, noch das Bett verlassen kann.  Am Mittag hole ich sie aus dem Bett, setze sie zu mir an den Schreibtisch, dann quatschen wir, gucken gemeinsam die Küchenschlacht und was danach noch so kommt. Nach drei bis vier Stunden im Rollstuhl fällt es ihr schwer zu sitzen, dann bringe ich sie zurück. Klar wir gehen schon mal am Abend mit Freunden zum Essen aus, dann liegt sie gut versorgt für die Nacht im Bett. Das muss man haben, das braucht man, mal etwas anderes sehen. So richtig ruhig bin ich dann innerlich nicht, dennoch genieße ich solche Abende. Ich würde total gerne einen Tag ans Meer fahren, ich liebe das Meer, habe es lange Jahre schon nicht mehr gesehen, aber das bedeutet, dass ich planen muss, damit sie nicht alleine ist. Sie muss, da sie keine großen Mengen mehr nehmen kann regelmäßig Flüssignahrung und zu trinken bekommen. Nein, es wird keinen Port geben, das wäre in diesem Alter und in diesem Krankheitsstadium  unmenschlich. So lange sie das, was ich ihr anbiete, was sie mag, schluckt, so lange soll sie das bekommen. Wenn sie heute für sich beschließt dies nicht mehr zu tun, dann ist das ihr Wille und ihr gutes Recht. Wir werden das akzeptieren.

Ich weiß nicht, ob sie es schaffen würde, mal für einen einzigen Tag eine Tagespflege zu besuchen, aber das würde auch nicht reichen ans Meer zu fahren, weil sie dann spätestens zwischen vier und fünf vor der Haustür stehen würde. Irgendwie ist es mir nicht, sie den ganzen Tag, ohne Ansprache hier zu Hause alleine zu lassen. Auch nicht gut, aber das Meer läuft mir nicht weg, hoffe ich mal, und ihr Leiden ist für sie irgendwann endlich und die Natur wird ihren Lauf nehmen.

Zu aller Pflege und Betreuung kommt der Wahnsinn mit Krankenkassen, Pflegediensten, Ämtern und was auch immer dazu. Nicht immer läuft alles glatt, nicht immer hat man den Nerv sich freundlich zu wehren. Wenn zum Beispiel eine Chirurgin ein bestimmtes Pflaster, sicher aus Kostengründen, nicht mehr verschreibt, dir das pflegerische Leben dadurch deutlich erschwert wird, dann habe ich dafür einfach kein Verständnis. Dann schreibst du sie nett und freundlich an und die Tusse hat es einfach nicht nötig zu antworten. In dem Moment ist es einfach nur noch eine Tusse, keine studierte Chirurgin. Dann musst du ein zweites Mal schreiben, das fällt dann deutlicher aus, liegt nahe an einer Beleidigung, aber was willst du machen, du bist auch nur Mensch. So verbringst du, zusätzlich zur Pflege, obendrein noch einmal 30 – 40% dieser Zeit mit allem Verwaltungsmist drum herum und glaube nicht, dass das in den letzten Jahren vereinfacht worden ist. Das macht kein Spaß.

Der Grund warum ich das alles mache? Ich habe sie lieb, auch wenn sie sich verändert hat, längst nicht mehr die Frau ist, die ich kennen gelernt habe, die ich achten gelernt habe, mit der ich durch dick und dünn gegangen bin, die ich mitgeheiratet habe. Sie hat mein Herz erobert, hat mir immer beigestanden, nun bin ich am Zug. Meine kleinen Schwächen, die ich während der Pflege hatte und sicher noch haben werde, verzeihe ich mir, gestehe ich mir zu, ich bin nicht perfekt, hatte noch nie den Anspruch es sein zu wollen.

Heute ist das hier lang geworden, ist sehr persönlich, mehr als ich normalerweise zulasse und ich könnte stellvertretend für all jene, die ihre Angehörigen pflegen und betreuen, sehr viel mehr schreiben, über den Alltag, über das Leben mit und ohne, über kleine und große Ärgernisse, die damit verbunden sind. An der Stelle kommt nun immer meine Empfehlung ihr sollt es Euch gut gehen lassen. Das wünsche ich heute auch, wünsche es aber vor allem denen, die pflegen und verbinde es mit der Empfehlung sich trotz allem Freiräume zu schaffen, raus zu gehen, einen Spaziergang zu machen und wenn es nur eine halbe Stunde ist, das muss einfach sein. Also heute für alle, die pflegen: Lasst es Euch gut gehen.

 

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