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Warum ich das tu

Hey, nicht davon laufen, Du kannst ihm nicht entkommen, es sei denn Du gehst zur Vorsorgespiegelung. Hast Du gute Nerven? O.K. dann lies weiter. Nicht nur mein Vater war an einem Coloncarcinom erkrankt, auch meine Schwester erwischte es und das ist der harte Kern der Geschichte und erklärt meine Intention.

Nachdem mein Vater sich von seiner OP erholt hatte, bekam meine Mutter Probleme mit blutenden Polypen. Die waren alle gutartig. Heute noch erzählt meine Mutter davon wie sie beide, mein Vater und sie,  gemeinsam zur Darmspiegelung gegangen sind. Sie belegten ein Zimmer im Krankenhaus. Bekamen beide zeitgleich dies wunderbare Gebräu, das den Darm reinigt, zu trinken. Sie durchlebten gemeinsam die Vorbereitung zur Spiegelung und während meine Mutter drei Schlucke getrunken und davon vier wieder ausgespuckt hat, hat mein Vater das „Gelump“ abgedrückt wie nichts. Nur er allein weiß was er sich dabei vorgestellt hat, was es sein könnte. Darauf angesprochen hat er nur vergnüglich gegrinst und geschwiegen: Ein Gentleman genießt und schweigt.

Nach einer solchen Untersuchung, beide waren wieder auf ihrem gemeinsamen Zimmern, kam der Arzt und fragte sie, ob sie Kinder hätten, was sie bejahten, auch, dass ihr Sohn bereits 1976 verstorben war. Sie wurden darauf hingewiesen meiner Schwester und mir unbedingt zu sagen, dass wir beide zur Koloskopie gehen sollten. Ja ja. Meine Schwester wies allein schon den Gedanken daran weit von sich. Und ich? Ich dachte ja, werde ich tun, demnächst, weil ich es irgendwann ohnehin wieder hätte tun müssen.

Dann im Januar 2002 verstarb nach relativ kurzer Krankheitszeit mein Vater. Nein, nicht an den Folgen des Coloncarzinoms. Irgendwann im Mai rief mich meine Schwester an und sagte so komische Dinge wie das, dass sie wohl bald sterben würde. Ich dachte, dass ich nicht richtig gehört habe und wie immer in solchen Fällen, versucht Mensch das gehörte zu relativieren. Anfang Juni als ich zum Geburtstag meiner Mutter gefahren bin, sah ich sie das erste Mal seit dem Tod unseres Vaters wieder. Sie war immer sehr auf ihr Äußeres bedacht und versuchte zu verbergen was für mich augenscheinlich war. Es war immer sehr schwer an sie heran zu kommen, sie war ein sehr eigener Mensch, immer für andere da, niemals Hilfe annehmen wollend, nie abhängig von egal wem sein wollend und genauso verhielt sie sich immer noch.

Im Juli dann, sind wir wieder in unsere Heimatstadt gefahren, wollten unseren Urlaub da verbringen, wollten Ausflüge in die Umgebung machen, nach Frankeich fahren. Meine Mutter hatte mich gebeten ihr dabei zu helfen die Kleidung meines Vaters aus dem Schrank zu räumen. Es selbst zu tun schmerzte sie zu sehr. All das war geplant. Zuerst aber wollte ich meine Schwester besuchen. Gleich am Tag nach unserer Ankunft, meine Schwester kam an diesem Tag für ein paar Tage aus dem Krankenhaus nach Hause,  besuchte ich sie. Als ich sie vor mir sah, ihre Augen sah, den ausgemergelten Körper, da ahnte ich, dass das Coloncarcinom ganze Arbeit geleistet hat. Wir verbrachten zwei Tage sehr intensiv miteinander, redeten über so viele Dinge, auch über Themen, die für sie bis zu diesem Moment tabu waren. Nach diesen Tagen musste sie abermals ins Krankhaus gehen, ich brachte sie hin.

Zwischen den Krankenhausbesuchen war da auch noch meine jüngste Tochter, die damals mit uns mitgefahren war. Wir wollten in unserer alten Heimat so viel unternehmen. Stattdessen saßen wir in der Küche meiner Mutter auf dem Fußboden und weinten bitterlich. Sie wollte von mir wissen, wie das ist zu sterben, wie sich das anfühlt und was danach kommt. Ich habe mir immer vorgenommen meinen Kindern keine Unwahrheiten auf ihre Fragen zu sagen, aber was hätte ich da antworten sollen? Ich habe ihr Antworten gegeben, so gut ich das konnte. Während Du das jetzt liest und denkst, das passiert mir doch nicht und dann allein schon das Wort „Vorsorge“ weit von Dir schiebst, denke daran, dass da Menschen sind, die man zurück lässt, die traurig sind, die diese unsäglichen Schmerzen des Verlustes ertragen müssen. Immer wird man von irgendjemand geliebt, den man zurück lässt. Da ist immer jemand, der weint.

In der Zwischenzeit war meine Mutter verunglückt und lag in einem anderen Krankenhaus, so dass ich zwischen den beiden hin- und hergependelt bin. Meine Schwester ließ sich dann, auch um sich eine zweite Meinung einzuholen, in das Krankenhaus verlegen in dem nun unsere Mutter lag. Da beide am nachfolgenden Freitag operiert werden sollten, wurden sie zum EKG gebracht, wo sie sich zufällig begegneten, ein letztes Mal sehen und zuwinken konnten. Das musste wohl so sein. Am folgenden Sonntagmorgen hielt ich meiner Schwester die Hand als sie im Alter von 52 Jahren, gegangen ist. Der schwerste Gang aber war der,  meiner Mutter die Nachricht zu bringen, dass ihre Tochter in der Früh verstorben war. Ich werde den Anblick meiner Mutter niemals in meinem Leben vergessen. Diese Zeit nicht, diesen Morgen nicht, den Schmerz nicht, den ich im Gesicht unserer Mama gesehen habe.

Wäre meine Schwester zur Vorsorge gegangen, sie könnte noch leben. Sicher vielleicht wäre ihr eine Dachziegel auf den Kopf gefallen oder sie hätte einen Unfall gehabt, oder und wenn oder hätte. All das wissen wir nicht, aber was sicher ist, ist das, dass der Krebs rechtzeitig entdeckt worden wäre, hätte sie den Rat des Arztes befolgt. Aber sie war stur und diese verdammte Sturheit hat sie in diesem Moment das Leben gekostet.

Abermals musste meine Mutter in diesem Jahr einen schweren Gang antreten: nach ihrem Mann musste sie abermals eines ihrer Kinder auf seinem letzten Weg begleiten.  Der sinnlose Tod meiner Schwester ist der Hauptgrund weshalb ich mich in diesem März in meinen Blog mit diesem Thema beschäftige.

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